"Wenn die Länder des Überflusses den Entwicklungsländern gerechte Preise für ihre Produkte zahlen würden, könnten sie ihre Unterstützung und ihre Hilfspläne für sich behalten."   

Dom Hélder-Camara, "Bischof der Armen"

 

 


Dom Helder Camara - Stimme der Armen                              Helder Camara

Der brasilianische Bischof Helder Camara, von 1963 bis 1983 Erzbischof von Olinda und Recife im Nordosten Brasiliens, galt lange Zeit neben Leonardo Boff und Oscar Arnulfo Romero als wichtiger kirchlicher Repräsentant der sogenannten "Dritten Welt" und als Wegbegleiter der "Befreiungstheologie".

Helder Camara war einer der profiliertesten Vertreter des progressiven Flügels der katholischen Kirche. Für ihn war das Eintreten gegen Armut, Hunger und Unterdrückung von der Verkündigung des Evangeliums nicht zu trennen. Für ihn gehörte die Kirche an die Seite der Armen. Aufgrund seines Einsatzes für Ökumene, Menschenrechte, Frieden und Mitmenschlichkeit wurde Dom Helder Camara nicht nur in Lateinamerika verehrt und geachtet.

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Der Kirche und den Armen treu: Dom Helder Camara

Porträt  Von Guido Heinen

Vielleicht ist es an jenem Tag im August 1931 passiert: Soeben hatte der junge Priester Helder Camara seine Predigt beendet, fein gedrechselt und gespickt mit gelehrten Worten und seltenen Fachausdrücken. Da trat einer seiner Lehrer auf ihn zu und gab ihm seine letzte Lektion: "Sei kein Dummkopf. Du sprichst zu einfachen Leuten. Du musst natürlich reden!" Vielleicht war dies der Zeitpunkt, an dem die geistliche Berufung des jungen Geistlichen um die Empathie für die einfachen, armen Leute erweitert wurde und das Leben des "Bruders der Armen" begann, wie Papst Johannes Paul II. ihn einmal nannte.

Nur wenige Lebensläufe eines Bischofs werden so eng mit dem Kampf der Kirche für soziale Gerechtigkeit verbunden wie der von Dom Helder Camara, dem am vergangenen Wochenende im Alter von 90 Jahren gestorbenen Erzbischof von Rio de Janeiro und von Olinda und Recife in Brasilien. Natürlich bekam Helder Camara schnell das Etikett des "roten Bischofs" aufgeklebt. Es war so einfach in jenen Jahren, in Lateinamerika zum "Kommunisten" zu werden. Auch Helder Camara entging dem Schicksal vieler seiner Amtsbrüder auf dem Kontinent nicht, bedeutete doch allein der anklagende Fingerzeig auf Unrecht und Diktatur in den Augen der Oligarchien einen Angriff auf ihr System. "Wenn ich den Armen zu essen gebe, nennen sie mich einen Heiligen. Wenn ich frage, warum die Armen kein Essen haben, nennen sie mich einen Kommunisten", hat er einmal gesagt.

Auf den ersten Blick ist Camaras Lebenslauf der eines Sozialaktivisten: Als elfter von 13 Söhnen, von denen fünf während einer Grippe-Epidemie sterben, wollte er schon früh dem sozial engagierten Orden der Lazaristen beitreten. 1931 gründete er seine erste Hilfsorganisation, 1933 schuf er die Katholische Arbeiterinnen-Gewerkschaft, in der sich Waschfrauen, Büglerinnen und Hauswirtschafterinnen organisierten. Schon bald leitete er die "Katholische Aktion" Brasiliens. Seinen kurzen Ausflug zu den faschistischen "Grünhemden" bezeichnete er später immer als Fehler und als Grund dafür, dass er mit den politischen Verirrungen anderer großzügig umgehe.

In den sechziger Jahren war die katholische Kirche Lateinamerikas im Aufbruch, und Dom Helder Camara war einer ihrer Gepäckmeister: In enger Absprache mit Kardinal Giovanni Montini, dem späteren Papst Paul VI., gründete er in den fünfziger Jahren die Brasilianische Bischofskonferenz, wenige Jahre später die Lateinamerikanische Bischofskonferenz Celam. Ende der sechziger Jahre, als die katholische Kirche des Kontinents die Ideen der katholischen Soziallehre aufgriff und in vielen Ländern zur treibenden Kraft der gesellschaftlichen Veränderung wurde, wurde er eine der Hauptfiguren auf der Bischofskonferenz im kolumbianischen MedellÌn, 1979 auch in Puebla.

Dom Helder Camaras Leben ist aber auch das der permanenten Missverständnisse und der selektiven Wahrnehmung, zumindest durch seine Anhänger in Europa. Denn zwischen dem, was Ende der sechziger Jahren als Bewegung der Basisgruppen in der Kirche begann, und dem, was Universitätstheologen aus Deutschland, Frankreich und Belgien in den Siebzigern und Achtzigern als "Theologie der Befreiung" daraus machten, lag mehr als nur der Atlantik. Auch Camara entging nicht dem Schicksal, hier zu Lande vereinnahmt zu werden, seine Botschaften verkürzt und verstümmelt wiederzufinden oder sich permanent Fragen ausgesetzt zu sehen, die ihm in Brasilien wohl kaum einer gestellt hätte. Aus jeder der Schubladen, in die man ihn steckte, sprang er wieder heraus: Seine klare Ablehnung der Gewalt als Mittel der Politik, zugleich seine heimliche Sympathie für einige "Befreiungsbewegungen", seine klare Sprache in politischen Dingen und seine tiefe Frömmigkeit und Treue gegenüber der Kirche waren nur vermeintliche Widersprüche, in Wahrheit die Triebfedern seines Lebens.

Camara ließ sich nie vereinnahmen, lehnte zahllose Partei- und Staatsämter ab, ganz anders als etwa die marxistisch inspirierten Cardenal-Brüder im sandinistischen Nicaragua der achtziger Jahre. Camara wahrte Distanz zu den Institutionen, ohne den Menschen fern zu sein. Er überschätzte sich nie, und wenn er für die Armen eintrat, in ihrem Namen predigte und bettelte, war allen deutlich, wie ernsthaft er das Motto in seinem Bischofswappen gewählt hatte: "In Manus Tuas Domine" - "In Deine Hände, oh Herr".

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