Auf dieser Seite veröffentlichen wir Beispiele aus der Weltwirtschaft

 

Honduras Indonesien Nicaragua Mittelamerika Kaffeekrise Gewerkschaft Ungerecht Kaffeebauern Ananasanbau Gepa-Kaffepreise Mode

 

„Wer in die Gewerkschaft will, fliegt raus."

Wie beim adidas-Zulieferer Hermosa die Gründung einer freien Gewerkschaft verhindert wird

Aus „Presente“, Bulletin der Christlichen Initiative Romero 2/03

 

Auf der Hauptversammlung der adidas‑Salomon AG am 8. Mai 2003 hatte die Christliche Initiative Romero (CIR) im Namen der Kampagne für `Saubere' Kleidung adidas mit dem Vorwurf konfrontiert, im Zulieferbetrieb Hermosa in El Salvador werde den Arbeiter/innen ihr Recht auf Organisationsfreiheit vorenthalten. Zahlreiche Konsument/innen in Deutschland und Österreich setzten sich daraufhin in Briefen an adidas dafür ein, dass sich die Belegschaft bei Hermosa frei organisieren und eine Selbstvertretung wählen darf. Der Konzern antwortete auf die Vorwürfe. In einem Schreiben verweist er darauf, dass es bisher ca. 20 Inspektionen in der Fabrik Hermosa durch Mitarbeiter/innen der adidas‑Salomon AG gegeben habe und dass im Jahr 2002 sogar eine „unabhängige Prüfung" durch die Siegelinitiative Fair Labor Association (FLA) durchgeführt worden sei. In diesem Audit seien „keine Anzeichen festgestellt (worden), dass Hermosa diskriminierend gegen Arbeiter vorgeht", die gewerkschaftlich organisiert seien oder dies wünschten ‑ ein Recht, das sowohl der Verhaltenskodex von adidas und FLA als auch das salvadorianische Arbeitsgesetz zusichert. Vielmehr gebe es bei Hermosa Arbeiter/innen‑Komitees, so adidas, die in Kommunikation mit der Firmenleitung stünden und an Entscheidungsprozessen beteiligt seien.

Die CIR hat das Antwortschreiben der Konzernleitung von adidas an ihre Partner/innen in El Salvador weitergeleitet mit der Bitte um Überprüfung der Angaben unter den Beschäftigten Näher/innen von Hermosa.

Wir veröffentlichen nachfolgend den Bericht einer Näherin von Hermosa. Um deren Anonymität zu garantieren, wurde ihr Name geändert.

 

 

Bericht einer Arbeiterin der Fabrik Hermosa Manufacturing,

San Salvador am 21. Juli 2003

 

Ich heiße Sara bin 27 Jahre alt, verlobt, und habe zwei Kinder im Alter von zwei und fünf Jahren. Ich arbeite seit Fast drei Jahren bei Hermosa Manufacturing als Näherin. In der Fabrik sind fast 600 Arbeiter/innen beschäftigt, mehrheitlich Frauen. Bei Hermosa wird unterschiedliche Kleidung hergestellt: Sportbekleidung, Fußball, Basketball, American Football, Damentrikots, Hosen und Polohemden u.a. für die Marken adidas Nike, Reebok.

 

Meine Arbeit als Näherin ist sehr anstrengend, weil ich den ganzen Tag an einer Nähmaschine sitze. Und wenn ich auf die Toilette muss oder Wasser trinken möchte, dann muss ich mich beeilen um keine Zeit zu verlieren. Hinzu kommt noch, dass die Vorarbeiterin uns Näherinnen unter Druck setzt, damit wir das Produktionsziel erreichen. Sie ist der Schrecken der Arbeiter/innen. Die Vorarbeiterinnen fühlen sich als höchste Autorität und dürfen einen behandeln, wie sie wollen. Ich war eine Zeit lang dem Druck meiner Vorarbeiterin ausgesetzt, weil ich das Produktionssoll nicht geschafft habe. In der Fabrik ist es nämlich so, dass die Fabrikleitung das Produktionssoll ständig erhöht, wenn wir Näherinnen das Soll erfüllen. Es gibt Näherinnen, die aus Angst vor Entlassung versuchen, das Soll zu schaffen ‑ aber der Körper stößt einmal an eine Grenze.

 

Ich verdiene monatlich umgerechnet rund 151 US‑Dollar: Dieser Lohn reicht nicht aus für die täglichen Ausgaben. Wenn es genügend Arbeit in der Fabrik gibt, machen wir Überstunden. Obwohl es sehr anstrengend ist, die Überstunden zu leisten, muss man es tun ‑ aus Not und weil sie verpflichtend sind. Wenn sich eine Näherin weigert, wird sie von der Vorarbeiterin unter Druck gesetzt oder sie muss zur Geschäftsführung.

In der Fabrik haben sie ein Komitee gegründet, damit man sich dort darüber beschweren kann, wenn einem etwas nicht passt. Das Komitee besteht aber aus Vorarbeiterinnen, Leuten aus der Verwaltung und Arbeiterinnen, die zu allem „Ja und Amen" sagen, engen Vertrauten der Vorarbeiterinnen also. Zu diesen Leuten habe ich kein Vertrauen. Sie sind es, die uns am meisten schaden. Sie tun nur das, was der Besitzer ihnen sagt. Und wenn sich jemand beschwert, kann ihn die Geschäftsführung entlassen oder sich nicht um seine Kritik scheren.

 

Das Fabrikkomitee wurde von oben ins Leben gerufen, nachdem die Besuche von Auditoren begonnen hatten. Der Besitzerpräsentierte dieses als Komitee zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen und der Beziehung zwischen Firmenleitung und Arbeiterinnen. Über andere Fabriken habe ich aber gehört, dass diese Komitees dort nicht zu Gunsten der Arbeiter/innen wirken, sondern zu Gunsten der Besitzer. Bisher haben sie noch keine Verbesserungen gebracht.

 

Es gibt bei Hermosa keine Gewerkschaft. Betriebsgewerkschaften sind hier verboten. Die Vorarbeiterinnen sagen, Gewerkschaften schadeten den Arbeiterinnen; sie führten dazu, dass Fabriken geschlossen werden, so wie es in anderen gut funktionierenden Betrieben der Fall gewesen sei. Wir sollten einfach unsere Arbeit tun ‑ das bringe uns etwas und nicht eine Gewerkschaft. Sie geben uns auch zu verstehen, dass man bei Hermosa solche Leute (Gewerkschafter) nicht einstellen wolle. Damit es keine Probleme gebe, wie zum Beispiel in den Fabriken Tainan und DoAll sowie bei den Ärzten des Gesundheitswesen, in denen es Gewerkschaften gegeben habe (Nach Arbeitskonflikten wurde in der Maquila DoAll eine unabhängige Kontrolle eingeführt; die Ärzte wehrten sich mit Erfolg gegen eine Kahlschlagprivatisierung des öffentlichen Gesundheitssystems.  Anm. d. Übers.)

 

Ich weiß gar nicht, wie eine Gewerkschaft in der Realität funktioniert. Ich habe nie einer angehört. Ich habe aber gehört, dass sich Gewerkschaften gründen, um die schlechte Behandlung der Arbeiter/innen zu verändern, zu verbessern. Aber da die Besitzer keine Gewerkschaften mögen, akzeptieren sie sie nicht und entlassen die, die Gewerkschaftsmitglied werden wollen. Und wenn sie eine Näherin verdächtigen, zitieren sie sie ins Büro und fragen, ob sie mit anderen Arbeiter/innen an Versammlungen teilnimmt und mit wem sie sich wann trifft. Das geht so weit, dass sie einem einen besseren Posten oder Geld anbieten dafür, dass man erzählt, ob eine Gewerkschaft gegründet wird. Wenn man sich weigert, fangen sie an zu kontrollieren, mit wem man sich selbst außerhalb der Fabrik unterhält. Und wenn sie erfahren, dass jemand an Gewerkschaftstreffen teilnimmt, wird er sofort entlassen.

 

Wenn Besuche von Auditoren, Käufern oder Kontrolleuren anstehen, ordnet die Geschäftsführung an, dass wir einen Tag vor dem Besuch die Fabrik putzen. Die Toiletten sind dann blitzsauber. Am Besuchstag behandeln sie uns dann besser als sonst, obwohl wir immer das Soll erfüllen müssen. Für den Fall, dass die Besucher mit einer Arbeiterin sprechen, sind wir angewiesen worden zu sagen, dass wir bei Hermosa nicht schlecht behandelt würden und dass wir hier gerne arbeiteten. Aber normaler Weise wurden die Arbeiterinnen, mit denen gesprochen wird, schon vorher ausgesucht.

 

Übersetzung: Maik Pflaum, CIR

 

Sie finden neben diesem einen weiteren, notariell beglaubigten Zeugenbericht einer Arbeiterin von Hermosa unter:

http://www.ci-romero.de/seiten/kampagnen/ccc/zeugen_ccc.html

 



 

Gerecht handeln im globalen Kontext

 

Eine andere Welt ist möglich

Von Dorothee Sölle

Aus Brennpunkt Mittelamerika – CIR – Rundbrief Mai 2003
 

Eines der wichtigsten Argumente der Globalisierer von oben ist die Behauptung, es ginge nicht anders. Margret Thatcher, eine glühende Verteidigerin des Neoliberalismus, hat es auf den Punkt gebracht: »There Is No Alternative«. Wie oft und in wie vielen, oft hilflosen Sprachen habe ich das in den letzten zehn Jahren gehört! Die Krankheit, die sich in diesem Satz ausdrückt, nennt man heute nach den vier ersten Buchstaben des Thatcher‑Satzes das TINA‑Syndrom. Eine furchtbare Seuche, die uns alle mehr schädigt als unsere zahlreichen Hautallergien.

 

Ich will ein Beispiel erzählen, es ist die Geschichte eines 15jährigen Mädchens aus Honduras. Sie arbeitete in den »Maquilas«, den Weltmarktfabriken für Bekleidung. Ihre Arbeitsbedingungen sind für multinationale Konzerne die denkbar besten. Sie erklären auch, warum bei uns so viele Textilfabriken geschlossen werden und warum unsere T‑Shirts und Jeans so wunderbar billig sind.

 

Wendy Diaz, das Mädchen, das sich als 16 Jahre alt ausgegeben hat, arbeitet täglich 13 Stunden in der Nähfabrik Global Fashion. Häufig werden Überstunden ohne Entgelt erzwungen, wenn eilige Aufträge anfallen. Sie verdient etwa 17 Euro in der Woche. Zweimal am Tag darf sie während der Arbeitszeit auf die Toilette, d.h. wenig trinken bei großer Hitze. Ebenfalls verboten ist es, sich mit den anderen Mädchen zu unterhalten, das könnte schließlich zu gewerkschaftlicher Organisation führen. Sie hat kein Recht auf Urlaub, eine Kranken­- oder gar Rentenversicherung gibt es nicht. Neoliberale Globalisierung heißt Rechtlosigkeit für die Ärmsten und billigste Herstellung von Produkten für die Industriestaaten. Dann können Millionenbeträge an Sportler/innen bezahlt werden, wenn sie für die Firmen werben. Die Firma Nike hat im Jahr 1999 für den US‑Basketballspieler Michael Jordan ebensoviel ausgegeben wie für 30.000 Beschäftigte in Indonesien.

 

Du sollst nicht stehlen, heißt das siebte Gebot. Wer stiehlt? Die Produzenten, die mit ihren Sonderkonditionen in den »Freien Produktionszonen« höchste Gewinne erzielen; der Einzelhandel, der den Herstellern die Preise diktiert; und schließlich wir alle, die wir die T‑Shirts kaufen. Wir alle stehlen, die wir mit unserem Kauf zulassen und fördern, dass die Frauen wie Sklavinnen behandelt werden.

 

Menschen verletzten die Rechte anderer und saugen sie aus

 

Christen haben zu lange geglaubt, dass die Hauptsünden im Bett passieren. Die Hauptsünden passieren dort, wo Menschen die Rechte der anderen verletzen und sie aussaugen. Es ist merkwürdig, dass wir es für schlimmer halten, wenn ein Jugendlicher eine Musikdiskette stiehlt, als wenn wir Kleider kaufen, an denen das Blut der Arbeiterinnen klebt.

Die Unfehlbarkeit des Papstes ist in unserer Welt schon seit einiger Zeit durch die Unfehlbarkeit des Marktes ersetzt worden. Der Markt lenkt alles, braucht keine Regeln, ist allmächtig.

 

Die ältere Propaganda des Rheinischen Kapitalismus, der Erfolg einiger weniger sei schließlich für alle gut, wird nicht mehr benötigt. Die realistische Aussage der heutigen Fachleute lautet: »Es gibt eben Gewinner und Verlierer«. So entstehen neue Formen der Sklaverei, die wir für abgeschafft hielten, Textilsklavinnen und Sexsklavinnen.

 

Deregulierung ist ein Lieblingswort der Weltbesitzer. Regeln wie Mindestlöhne, Kündigungsschutz und Arbeitszeitregelungen sind überflüssig. Alte Errungenschaften, die die europäische Arbeiterbewegung in den vergangenen 150 Jahren erkämpft hat, müssen in der total »freien« Wirtschaft eliminiert werden. Freiheit und Solidarität werden als einander gegenseitig ausschließend definiert.

 

The world is not for sale!

 

Der Widerstand jedoch gegen diesen neuen Totalitarismus der Ökonomie wächst weltweit, unter den Arbeiterinnen in den Maquilas, den Landlosen in Brasilien ‑ und, was ich am erfreulichsten finde, auch bei vielen jungen Menschen. Geld und Spaß allein machen das Leben noch nicht aus. Die Kritikerinnen der Globalisierung haben einen wunderbaren einfachen Satz geprägt, der für mich in Übereinstimmung mit der jüdisch-christlichen Tradition steht: »The world is not for sale (»Die Welt ist keine Ware.«)
 

Als Unterstützerin der Kampagne für >Saubere< Kleidung und Mitglied der globalisierungskritischen Bewegung schrieb Dorothee Sölle vor dem Hintergrund der massiven Proteste nach dem G8-Gipfel in Genua im Juli 2001 den Text »Eine andere Welt ist möglich«.


Eine andere Welt ist nötig

Über Gesundheitsgefährdungen und Schikanen an den Nähmaschinen

Aus Brennpunkt Mittelamerika – CIR – Rundbrief Mai 2003

 

Von Maik Pflaum

Um Kosten zu sparen, haben Bekleidungskonzerne wie Karstadt, C&A oder Adidas in den letzten Jahren ihre Produktion zunehmend in die »Dritte Welt« oder nach Osteuropa ausgelagert. Je nach Bedarf werden Aufträge an dortige Zulieferfirmen vergeben ‑ eigene Produktionsstandorte müssen nicht unterhaften werden. Ein Blick auf die weltweite Bekleidungsindustrie zeigt, was Globalisierung wirklich heißt.

 

Die Transnationalen Konzerne nutzen die Konkurrenz unter den Zulieferbetrieben und vergeben Produktionsaufträge an die billigsten.

 

Sparen bei der Produktion...

Um günstig herstellen zu können, beschneiden die Zulieferer die Rechte der Arbeitnehmerinnen: Einschüchterungen und Entlassungen sollen gewerkschaftliche Organisierung verhindern. Erzwungene, oftmals unbezahlte Überstunden sind an der Tagesordnung. Die Fabrikausgänge werden bewacht, der Zugang zu den Toiletten ist häufig reglementiert. Die Arbeiterinnen trinken wenig, um nicht zur Toilette gehen zu müssen. Weit verbreitet sind erzwungene Schwangerschaftstests und Entlassungen bei Schwangerschaft. Wegen mangelnder Verdienstalternativen ertragen die Arbeitnehmerinnen diese Arbeitsbedingungen in den meisten Fällen stillschweigend. Und die Regierungen schließen die Augen, um die Produzenten nicht zu verlieren.

 

... und Unsummen für die Werbung

Was bei der Produktion gespart wird, geben die Konzerne für die Werbung aus. Denn das Image bringt die Kundinnen. Geld scheint dabei keine Rolle zu spielen. »Für etwas, das gut ist, kann man gar nicht zu viel bezahlen,« so Phil Knight, der Gründer von Nike. Er bezog sich auf das Sponsoring von Spitzensportlern und Sportlerinnen. Der Nike Konkurrent Adidas gab im Geschäftsjahr 2001  800 Mio. Euro für Werbung aus.

 

adidas und die Rechte der Arbeitnehmer/innen

Die Arbeitsbedingungen, wie sie zum Beispiel in indonesischen Zulieferbetrieben herrschen, die für Adidas und Nike fertigen, beschreibt der Australier Tim Connor in seiner Studie »We are not machines«: Die Arbeiter und Arbeiterinnen werden angeschrieen, damit sie schneller arbeiten, sie bekommen den ihnen zustehenden Jahresurlaub nur unter großen Schwierigkeiten, Atemwegserkrankungen aufgrund giftiger Dämpfe und Chemikalien treten auf, bei Unfällen mit den Schneidemaschinen verlieren die Arbeiterinnen Gliedmaßen, den gesetzlich garantierten freien Tag während der Menstruation erhalten Arbeiterinnen nur, wenn sie ihre Hosen herunterziehen. Die Arbeiter/innen leben in extremer Armut. Ein Monatslohn beträgt 56 Euro. Etwa die Hälfte der Arbeiterinnen mit Kindern, so Connor, sind aufgrund von Armut gezwungen, ihre Kinder bei weit entfernt lebenden Verwandten aufwachsen zu lassen.

 

 Der Fall Chi Fung

Im Jahre 2002 gingen bei der Christlichen Initiative Romero (CIR) vermehrt Berichte von Partnerorganisationen aus El Salvador ein, die von Problemen mit dem Trinkwasser in Adidas­Zulieferbetrieben berichteten. Die Arbeiter/innen beklagten sich über Magenschmerzen und andere negative Auswirkungen auf die Gesundheit. Verdeckt entnommene Proben in der Firma Chi Fung S.A.. in Apopa, San Salvador, ergaben eine Bakterienbelastung, die den Grenzwert um das 650‑fache überschritt.

Adidas gibt sich den Anschein, für die Gesundheit der Arbeiter/innen Sorge zu tragen. Im Verhaltenskodex der Adidas‑Salomon AG fordert der Konzern von allen Zulieferern, »für ein sicheres und die Gesundheit erhaltendes Arbeitsumfeld zu sorgen«. Im Juli 2002 recherchierte ein Team des ZDF in El Salvador. Die Ergebnisse sprechen gegen Adidas: Das Trinkwasser war hochgradig verschmutzt.

 

Konsumentinnen werden aktiv

In Europa setzen sich kritische Konsument/innen aus elf Ländern gegen diese Form der Ausbeutung ein. In der Clean‑Clothes‑Campaign (CCC), in Deutschland Kampagne für >Saubere< Kleidung genannt, fordern Gewerkschaften, kirchliche Verbände, Frauenorganisationen und entwicklungspolitische Nichtregierungsorganisationen wie die CIR die Großkonzerne auf, für »saubere« Produktionsbedingungen zu sorgen ‑ für die Respektierung der Arbeitnehmerrechte und die Vermeidung gesundheitsgefährdender Arbeitsplätze. Wichtige Erfolge konnten schon erreicht werden: Mittlerweile bekennen sich alle Konzerne zu ihrer Verantwortung und verfügen freiwillige Selbstverpflichtungserklärungen Verhaltenskodizes, in denen sie zusagen, dass sie nur bei Produzenten fertigen lassen, die die geführten Arbeitsrechte einhalten. Das Beispiel Adidas zeigt aber, dass ein Kodex alleine noch keine Verbesserung bewirkt. Deswegen fordert die CCC die Kodizes unabhängig kontrollieren zu lassen.

 

Maik Pflaum arbeitet bei der Christlichen Initiale Romero e.V. und vertritt sie in der Kampagne für >Saubere< Kleidung.


Gesundheit als Preis der Arbeit?

Im Interview: Josefa Rivera (Nicaragua)

Aus Brennpunkt Mittelamerika – CIR – Rundbrief Mai 2003

 

 

In ganz Mittelamerika gibt es fast 1.000 Weltmarktfabriken, dort Maquilas genannt, in denen 300.000 Beschäftigte - zumeist junge Frauen - Kleidung für den US-amerikanischen und europäischen Markt zusammennähen. Angesiedelt sind diese Maquilas in Sonderzonen, den Freien Produktionszonen, die von Zöllen und Steuern befreit sind und in denen nationale Arbeitsgesetze all zu häufig nicht respektiert werden. Wie ist es in diesen Weltmarktfabriken für Bekleidung um den Gesundheitsschutz und die Sicherheit am Arbeitsplatz bestellt? Wir sprachen mit Josefa Rivera von der Frauenbewegung »Maria Elena Cuadra« (NEC) aus Nicaragua. Das MEC ist langjährige Projektpartnerin der CIR und setzt sich für die Verbesserung der Lebens- und Arbeitsbedingungen der Näher/innen in den Maquilas ein.

 

Josefa, die Arbeit in den Maquilas macht krank. Kannst du etwas zu den stärksten Gesundheitsgefährdungen sagen, die in diesen Fabriken herrschen?

 

Josefa Rivera: Zunächst einmal ist zu sagen, dass die Maquila unter ihren Beschäftigten regelmäßige Gesundheitschecks durchführt, um überhaupt festzustellen, welche Krankheiten und Verletzungen infolge der in der Fabrik herrschenden Bedingungen auftreten. Wir wissen aber, dass unter den Arbeiter/innen Hautallergien, Husten und Asthma weit verbreitet sind - Krankheiten, die vom Staub und Flaum des Stoffes verursacht werden. Schutzkleidung, wie zum Beispiel Atemschutz, wird den Arbeiter/innen in der Regel nicht zur Verfügung gestellt, auch keine Handschuhe denen, die an den Färbe- und Waschmaschinen arbeiten. Daneben leiden viele Näher/innen an Rückenschmerzen oder gar Bandscheibenvorfällen in Folge des stundenlangen Sitzens auf den Holzhockern.

 

Die meisten Arbeitsunfälle sind darauf zurückzuführen, dass die Maschinen nicht korrekt eingestellt worden sind. Zum Beispiel verletzen sich viele Frauen an den Nähnadeln, obgleich es dafür Sicherheitsvorrichtungen gibt.

 

Was kann das MEC dagegen tun?

 

Josefa Rivera: Es wäre an der Zeit, eine genauere Untersuchung zum Arbeits- und Gesundheitsschutz in den Maquilas durchzuführen. Wir planen das schon lange. Und dann müssten die Maquilabetreiber als direkt Verantwortliche und das Arbeitsministerium, als die Instanz, die die in den Maquilas herrschenden Arbeitsbedingungen kontrolliert und gesetzliche Maßnahmen zur Abschaffung gesundheitsgefährdender Bedingungen auf den Weg bringen müsste, mit den Beschwerden der Arbeiter/innen konfrontiert werden. Auch ist es wichtig, die Gewerkschaften zu sensibilisieren und die Arbeiter/innen aufzuklären, damit diese überhaupt ihre Gesundheit ernst nehmen und Maßnahmen zum Arbeits- und Gesundheitsschutz einfordern.

 

Können internationale Kampagnen, wie die Kampagne für >Saubere

Kleidung CCC in Europa, euch dabei unterstützen? Nutzt euch das Instrument der Verhaltenskodizes?

 

Josefa Rivera: Die Anstrengungen der CCC sind für uns enorm wichtig, wie wir setzt sie sich für direkte Verbesserungen der Arbeitsbedingungen in den Weltmarktfabriken ein. Wenn Arbeits- und Gesundheitsschutz ein wesentlicher Bestandteil der Verhaltenskodizes ist, den die CCC vom Bekleidungshandel, den multinationalen Konzernen, einfordert, dann können wir vor Ort uns darauf berufen und auf die Einhaltung drängen.

 

Solidaritätsfonds

Für menschenwürdige Arbeitsbedingungen an den Nähmaschinen
Aus Brennpunkt Mittelamerika – CIR – Rundbrief Mai 2003
 

 

Viele Näherinnen in den Weltmarktfabriken wollen sich die unmenschliche Behandlung nicht länger gefallen lassen. Sie verstößt gegen die Landesgesetze und Menschenrechte. »Wir brauchen die Arbeitsplätze in der Bekleidungsherstellung,« sagt Marina Rios von der salvadorianischen Frauenorganisation M.A.M. »aber wir wollen Arbeit in Würde.« Mit Hilfe des Maquila-Solidaritätsfonds werden in Nicaragua, Guatemala, El Salvador und Honduras Promotorinnen für Arbeits- und Menschenrechte ausgebildet, die den Näherinnen in den Betrieben mit Rat und Tat zur Seite stehen. In Nicaragua wird aus dem Solidaritätsfonds ein Anwaltsteam der Frauenorganisation »Movimiento Maria Elena Cuarda« (MEC) bezahlt. Die Anwälte und Anwältinnen begleiten die Arbeiterinnen bei Arbeitsrechtsverletzungen auf dem Weg zum Arbeitsministerium. So wird verhindert, dass Anzeigen unter den Tisch fallen. In Honduras unterstützt die Christliche Initiative Romero (CIR) das Unabhängige Monitoring-Team EMIH das u.a.. von der jesuitischen Forschungseinrichtung ERIC getragen wird. Viele große Bekleidungshersteller wie adidas, GAP oder KarstadtQuelle haben sich zur Einhaltung sozialer Mindeststandards bei der Bekleidungsproduktion verpflichtet. Das große Problem ist jedoch die Kontrolle dieser Verhaltenskodizes. Durch die Fabrik-Kontrollen kann EMIH zur Einhaltung der Rechte der Arbeiterinnen beitragen

Bitte unterstützen Sie die Näherinnen in den Weltmarktfabriken für Bekleidung. Spenden Sie unter dem Stichwort »Maquila-Solifonds« auf das Konto der CIR 3 11 22 00 bei der Darlehnskasse Münster, BLZ 400 602 65.


Die Ernte ist eingebracht, der Lohn dafür bleibt aus

Nicaragua und die Kaffeekrise                anklicken Aktion Kaffeekrise

 

Von Annette Jensen

Aus Brennpunkt Mittelamerika – CIR – Rundbrief Mai 2003

 

Die Preise für Rohkaffee sind so niedrig wie seit 30 Jahren nicht mehr. Was den deutschen Supermarktbesucher freut und die Gewinne von Konzernen wie Tchibo und Kraft Jacobs in Rekordhöhen treibt, bedeutet für viele Menschen weltweit Hunger, für manche sogar den Tod.

 

Ernst blicken Elis tiefschwarze Augen aus einem aufgeschwemmten Gesicht. Elf Jahre ist er alt, aber von der Größe her würde er glatt als Erstklässler durchgehen. »Als er vor einem halben Jahr hier ankam, war er nur noch Haut und Knochen«, sagt eine Krankenschwester.

 

Elis ist das älteste von 28 Kindern, die zur Zeit in einem Genesungsheim für unterernährte Kinder in Matagalpa leben. Die Stadt liegt im wichtigsten Kaffeeanbaugebiet Nicaraguas, etwa 130 Kilometer nordöstlich der Hauptstadt Managua. Viel mehr als gehaltvolle Nahrung und ein sauberes Bett hat das Heim den Kindern nicht zu bieten. »Die meisten Kinder sind Opfer der ökonomischen Krise,« erzählt Nuria Argentina Estrada, stellvertretende Leiterin. Und die ist vor allem eine Krise der Kaffeepreise auf dem Weltmarkt.

  

Die Preise für Rohkaffee erreichten im Herbst letzten Jahres ein 100‑Jahres‑Tief. In Nicaragua mussten viele Bauern und Landarbeiterinnen aufgeben, die Verkaufserlöse decken nicht mehr die Herstellungskosten. Im Vergleich zu Rekordjahr 1999/2000 ist die Kaffeeproduktion für den Export 2001/2002 um etwa ein Drittel zurückgegangen, hat die Zentralbank Nicaragua festgestellt. Expertinnen gehen davon aus, dass der Wert inzwischen sogar auf weniger als die Hälfte geschrumpft ist. Die Folgen sind fatal für das zweitärmste Land Mittelamerikas, dessen wichtigstes Exportprodukt der Kaffee ist. Immer mehr Landarbeiter/innen, die vorher auf den Kaffee‑Fincas gearbeitet haben, kommen mit ihren Familien in die Stadt. »Das aber verschlimmert ihre Situation meistens, denn hier haben sie noch weniger zu essen«, sagt Argentina Estrada. Noch vor ein paar Jahren hatten die Kaffeebauern und –arbeiter/innen ein kärgliches, aber immerhin sicheres Einkommen. Vor drei Jahren beispielsweise verdiente ein Landarbeiter während der Ernte noch ungefähr 85 Euro Dies wurde stetig weniger, in diesem Jahr blieb für viele der Lohn ganz aus. » Wir sind vor neun Jahren hierher gezogen. Ein Verwandter meines Mannes hat uns angeworben«, erzählt Maria Santeno Sie wohnt mit ihrer fünfköpfigen Familie auf der Finca Rosa in der Gemeinde La Virgen drei Busstunden und eine Stunde Fußmarsch nördlich von Jinotega. In wenigen Wochen bekommt sie ihr viertes Kind. Längst ist die diesjährige Ernte eingebracht. Doch bisher haben Maria Santeno und ihr Mann Felix Castro für ihre Arbeit noch keinen einzigen Cordoba vom Besitzer der Finca bekommen. » Er sagt, es tut ihm Leid, aber die Banken geben ihm zur Zeit kein Geld«, sagt der 47‑jährige. Während er in anderen Jahren um diese Zeit längst damit beschäftigt war, die Kaffeebäume zu beschneiden und in den Plantagen das Unterholz klein zu halten, hat er jetzt nichts zu tun. Der Besitzer will keine 20 Cordoba heute etwa 1,30 Euro am Tag mehr für die Pflegearbeiten investieren; schließlich bringt der Verkauf der Kaffeebohnen schon jetzt nicht mehr die Kosten rein. Und ob es in den nächsten Jahren wieder besser wird, weiß niemand.

 

Der Grund für die Krise? »In Brasilien und in irgendeinem asiatischen Land haben sie die Kaffeeproduktion ausgeweitet«, hat Felix Castro im Radio gehört. Vor allem in Vietnam gibt es neue Pflanzungen, die zu einem erheblichen Teil mit Entwicklungshilfegeld angelegt wurden.

Eine halbe Million Nicaraguaner/innen leben schon heute in Costa Rica, und viele versuchen auch, in die USA zu kommen. Die Zahl der notdürftig mit Plastikplanen abgehängten Bretterverschläge in den nicaraguanischen Städten wächst. Immer mehr fliegende Händlerinnen machen sich gegenseitig Konkurrenz. Jeder Bus wird von einer Vielzahl Männer, Frauen und Kindern gestürmt, die Eiswasser, Kekse, Uhren und Streichhölzer anbieten und oft ohne jeden Erfolg wieder abziehen müssen.

 

*Annette Jensen ist Freie Journalistin in Berlin. Ihren Artikel veröffentlichen wir mit freundlicher Genehmigung gekürzt aus der Frankfurter Rundschau vom 11.04.2003.

Aktion Kaffeekrise
Aus Brennpunkt Mittelamerika – CIR – Rundbrief Mai 2003
 

Anfang diesen Jahres ist das Bündnis »Aktion Kaffeekrise«, bestehend aus verschiedenen NGOs wie Greenpeace, Oxfam, FIAN/VENRO, die Gewerkschaft der Nahrungsmittelarbeiterinnen NGG und die CIR, ins Leben gerufen worden. Vordringliches Ziel ist es, dass sich die Kaffeeindustrie des Nordens auf einen nachhaltigen und überprüfbaren Verhaltenskodex für die gesamte Kaffee­Beschaffungskette einlässt. Durch Forderungen an Kaffeekonzerne, Kaffeehandel und Entscheidungsträger soll die Lebenslage der im Kaffeeanbau tätigen Menschen verbessert werden.

Kaffeeröster und Kaffeehandel verfügen über eine enorme Marktmacht und tragen aufgrund dessen eine soziale Verantwortung für die Herstellung des Kaffees. Erzeugerpreise und Arbeitslöhne müssen menschenwürdige Bedingungen für Kaffeekleinbäuerinnen und –pflücker/innen ermöglichen. Kaffeeproduktion und Kaffeehandel müssen ökologischen Mindeststandards gehorchen. Die am »Runden Tisch Verhaltenskodex für die Kaffeewirtschaft« zwischen Kaffeeindustrie, Produzentinnen und NGOs zu verabredenden Standards müssen unabhängig überprüft werden. Die Herkunft des Kaffees muss transparent sein, eine Forderung, die vor allem vom Handel einzuhalten ist.

 

Extraklasse gegen Unterklasse  Eine Information der "Aktion Kaffeekrise"

Tchibo hat den Qualitätskaffee „Guatemala Acatenango" von der Kaffeefinca San Sebastián im Angebot. Die „Aktion Kaffeekrise" (CIR, FIAN, Oxfam) hat zusammen mit der „coordinadora de pequenos productores de café (CNPPC, Koordination der kleinen Kaffeebauern) die Arbeitsbedingungen dieser Plantage geprüft und folgende Verletzungen der Arbeitsrechte festgestellt:

  Die Mengenentlohnung der Erntehelferinnen wird nicht differenziert in Haupt‑ und Nebenernte. Tragen die Kaffeebäume weniger, fällt der Lohn der 
     Erntehelferinnen sogar unter den gesetzlichen Mindestlohn.

  In den sechs Wochen Erntezeit reichen die Schlafräume in den Massenunterkünften nicht aus; etliche der angeworbenen Erntehelferinnen schlafen auf 
     Korridoren  und unter freiem Himmel.

  Die permanent auf der Finca beschäftigen Arbeitskräfte erhalten einen monatlichen Mindestlohn von 1.206 Quetzales. Allein der Grundwarenkorb für 
    Lebensmittel liegt bei 1.330 Quetzales. Das Menschenrecht der Arbeiterinnen, sich zu ernähren wird deutlich verletzt.

    Dies ist also der prämierte Kaffee der Extraklasse auf der Musterfarm von Tchibo. Wenn es bereits auf dieser Musterfinca San Sebastián Beanstandungen gibt,  
    wie sehen dann erst die Bedingungen für die Arbeiterinnen auf den zahlreichen und namenlosen Lieferplantagen von Tchibo aus !?

 

Wir fordern Tchibo auf.

    Die Lieferbeziehungen offen zu legen, damit der Kaffee zum Ursprungsort rückverfolgbar ist,

    einen transparenten und nachhaltigen Verhaltenskodex für die Kaffee‑Lieferkette einzuführen, der mindestens international anerkannte Arbeits‑ und 
      Umweltstandards sowie existenzsichernde Löhne garantiert,

    ein unabhängiges Monitoring des Verhaltenskodex zu etablieren, welches gemeinsam von den Interessenvertreterinnen eingesetzt ist,

    drei Prozent seines Kaffees als FairTrade‑Kaffee einzukaufen.


Ein international tätiges Unternehmen wie Tchibo muss die Einhaltung sozialer, ökologischer und ökonomischer Mindeststandards und der UN‑ und ILO‑Konventionen bei der Produktion seiner Waren gewährleisten.


Eine Protestkarte kann bei der CIR bestellt werden.

Zur Unterstützung der Aktivitäten der CIR in der „Aktion Kaffeekrise“ bitten wir um Spenden
auf das Konto 311 2200 bei der Darlehnskasse Münster (BLZ 400 602 65) Stichwort: „Kaffeekrise“

Weitere Information zum Thema und einen Aktionsbrief an Tchibo erhalten Sie bei CIR unter Kaffee-Kampagne.

 

 

 

Ungerechter Welthandel - das Beispiel Kaffee                                                                               aus "Weltläden aktuell"

Ungerechtigkeiten im Welthandel kann man mit jedem Produkt im Weltladen veranschaulichen. Jedes Produkt erzählt eine Geschichte. Wir haben beschlossen, Kaffee als Beispiel zu nehmen. Denn Kaffee ist nach Erdöl das zweitwichtigste Handelsprodukt auf dem Weltmarkt und immer noch das wichtigste Produkt des Fairen Handels.

Es gibt über 60 unterschiedliche Kaffeegattungen. Wirtschaftlich bedeutend sind aber nur die Gattungen Arabica und Robusta. Kaffee Arabica (Coffea arabica) ist eine Hochlandsorte, die sich u. a. durch einen geringeren Säuregehalt und eine höhere Qualität auszeichnet. Demgegenüber gedeiht Robustakaffee (Coffea canephora) am besten in Höhen unter 900 Meter und gilt als billigere Sorte mit Qualität. In den vergangenen Jahren zeichnet sich eine immer größere Verarbeitung von Robustasorten und ungewaschenen Arabicas und damit von billigeren Kaffeesorten ab.

Nach Erdöl ist Rohkaffee das zweitwichtigste Handelsgut auf dem Weltmarkt. Schätzungsweise 100 Millionen Menschen sind vom Kaffeeanbau und Kaffeehandel abhängig; die Erlöse aus dem Kaffeeanbau sind für die Bauern oftmals die einzige Möglichkeit, Bareinkünfte zu erzielen, die für Medikamente, Schulgebühren und andere wichtige Ausgaben verwendet werden. Ebenso sind für zahlreiche Länder die Erlöse aus dem Kaffeeexport die Haupteinnahmequelle von Devisen. 94 % aller Kaffeeexporte des Erntejahres 2000/ 2001 verließen die Produktionsländer allerdings als unverarbeiteter Rohkaffee. Der Mehrwert durch die Verarbeitung wurde somit im Norden erwirtschaftet.

 

  

Weltmarktpreise  und GEPA   Juli 2012                        

Die Weltmarktpreise für Rohkaffee unterliegen starken Schwankungen. In den Jahren 2010 und 2011 sind die Weltmarktpreise für Rohkaffee (Arabica) besonders extrem in die Höhe geschnellt. Nach einer kurzen Phase, in der die Preise gesunken sind, klettern sie jetzt wieder nach oben (Stand Juli 2012).

Warum steigt der Weltmarktpreis?

·         Angebotsverknappung durch hohe Nachfrage nach guten Kaffeequalitäten sowie Ernteeinbußen wichtiger Kaffeeländer wie zum Beispiel Kolumbien

·         gestiegener Konsum von Qualitätskaffee in den Produzentenländern

·         starker Einfluss von Spekulationsgeschäften treibt die Preise weiter in die Höhe

Der Fairtrade-Mindestpreis

Eine Besonderheit des Fairen Handels ist der so genannte Fairtrade-Mindestpreis. Diesen gibt es für viele Produkte aus dem Lebensmittelbereich, aber nicht für alle. Für Kaffee gibt es diesen Mindestpreis. Verantwortlich für die Festlegung dieses Mindestpreises ist Fairtrade International (FLO).

Der Fairtrade-Mindestpreis für Rohkaffee wurde zum 01.04.2011 nochmals angehoben. Der Fairtrade-Mindestpreis ist eine Absicherung nach unten: Falls der Weltmarktpreis sehr tief fällt, bekommt eine Genossenschaft im Fairen Handel immer diesen festgelegten Mindestpreis. Das gibt den Genossenschaften Sicherheit und Perspektive.

Die Fairtrade-Mindestpreisregelung bezogen auf Kaffee

Seit 01.04.2011 beträgt der Fairtrade-Mindestpreis für 100 amerikanische Pfund Rohkaffee der Sorte Arabica 140 US-Dollar. Dazu kommt noch ein Bio-Zuschlag von 30 US-Dollar und eine Fairtrade-Prämie von 20 US-Dollar.

Zusammen ergibt das einen Betrag von 190 US-Dollar für 100 amerikanische Pfund (=45,36 kg) Rohkaffee der Sorte Arabica.

Preisfestlegung bei der GEPA im Unterschied zu Fairtrade International (FLO)

Die Nachfrage nach Rohkaffee ist in den letzten Jahren stetig gewachsen. Aufgrund der gestiegenen Nachfrage hat der Börsenpreis den Fairtrade-Mindestpreis längst eingeholt. Da die GEPA großen Wert auf erstklassige Rohkaffee-Qualitäten legt, bezahlt sie schon lange Qualitäts- und Ursprungszuschläge. Damit liegt sie weit über dem Fairtrade­-Mindestpreis und dem Marktpreis.

Bei der Preisfestlegung gilt

Die Höhe des Qualitätsaufschlages und des Ursprungsaufschlages der GEPA ist keine feste Größe. Sie ist z.B. abhängig von der Anbauregion und natürlich von der physischen und sensorischen Qualität des Rohkaffees.

In der Regel bezahlt die GEPA für 100 amerikanische Pfund (=45,36 kg) Rohkaffee der Sorte Arabica Qualitätsaufschläge zwischen 5 und 150 US-Dollar.

 

Aktuelle Kaffeepreise im Vergleich Weltmarkt, Fairtrade International (FLO), GEPA:

Börse NY:

Fairtrade International

GEPA zahlt bei Bio-Qualität:

 

(FLO):

FLO bio mindestens (190

 

 

US$) + GEPA-eigene

 

Mindestpreis:           140 US$

Qualitäts- und

 

Fair Trade Prämie: 20 US$

Ursprungszuschläge:

 

Bio-Zuschlag:            30 US$

ansonsten Börse +

 

 

Zuschläge

172,50 US$

190 US$

267,50 US$

Die Zahlen beziehen sich auf 100 lb (100 amerikanische Pfund = 45,36 kg) Rohkaffee der Sorte Arabica Stand: Juli 2012

Preisfestlegung bei der GEPA mit den Produzentenorganisationen

Die GEPA legt mit den Produzentenorganisationen 6-12 Monate vor der Lieferung die Liefermenge fest. Dies wird vertraglich vereinbart. Das gibt beiden Seiten Sicherheit: Die GEPA weiß, wie viel Rohkaffee sie von der jeweiligen Genossenschaft bekommt und die Genossenschaft kann sich darauf verlassen, dass sie auf alle Fälle die festgelegte Menge an die GEPA liefern wird.

Jetzt geht es darum, den Preis auszuhandeln. Auch hier unterscheidet sich die GEPA von „konventionellen“ Händlern: Die GEPA bietet aufgrund der offenen Vertragsbasis den Produzenten zwei Möglichkeiten an:

1.      Verkäuferoption:

Der Handelspartner entscheidet bei Vertragsabschluss über die Festlegung des Preises und orientiert sich dabei an der Notierung des aktuellen Börsenpreises. Der Vorteil für die Produzenten ist, dass sie sicher wissen, wie viel sie für ihren Rohkaffee bekommen. Das heißt, der Handelspartner hat die Möglichkeit, den Preis zwischen dem Zeitpunkt der Vertragsunterzeichnung und dem letzten Tag vor dem Verschiffungsmonat zu fixen. Basis sind die Börsenschlusskurse plus die Aufschläge. Der Handelspartner fixt dann zu einem von ihm bestimmten Tag den Preis.

2.      Käuferoption:

Kurz vor der Lieferung bietet die GEPA dem Handelspartner einen Durchschnittspreis an. Dieser errechnet sich aus den Börsenschlussnotierungen des Vormonats der Verschiffung. Auch hier haben die Produzenten den Vorteil, dass sie sicher wissen, mit wie viel Geld sie rechnen können. Wenn der Börsenpreis zwischen Vertragsschluss und Verschiffung nochmals steigt, bekommt die Genossenschaft den Preis, der vor diesem Anstieg festgesetzt war. In diesem Fall ist das dann zwar weniger als der aktuelle Börsenpreis (Verkäuferoption). Die Produzentenorganisationen haben damit aber eine langfristigere Planungssicherheit.

 

Wenn Sie mehr über die Preisanpassung bei der GEPA erfahren möchten, lesen Sie weiter unter:     http://fair-plus.de/fair.html

 

Die aktuellen Fairtrade-Mindestpreise finden Sie auf der Internetseite: www.fairtrade.net (Fairtrade International, FLO e.V.)

 

 

Die Vorteile des fair gehandelten Kaffees auf einen Blick:
Vorteile für die Produzentinnen und Produzenten:     Vorteile für die Verbraucherinnen und Verbraucher:
      • Höhere Erlöse         • Kaffee ist von hoher Qualität
      • Aufschlag für Bioproduktion       • Oftmals biologischer Anbau
      • Langfristige Lieferverträge        • Schonende Verarbeitung des Kaffees
      • Vorfinanzierung der Ernte       • Er ist ergiebiger als konventioneller Kaffee
      • Beratung, z. B. bei Umstellung  auf Bioanbau       • Ethischer Mehrwert — „ein gutes Gefühl‘ 
   

 

Forderungen für mehr Gerechtigkeit im Kaffeehandel

Am Anbau und Handel mit Kaffee sowie an seiner Verarbeitung sind viele Akteure beteiligt. Daher macht es Sinn, unterschiedliche Forderungen an verschiedene Adressaten zu richten:

Forderungen an internationale Organisationen:

• Die WTO soll sich den Problemen auf dem Kaffeemarkt annehmen, von denen viele Millionen Kaffeebauern und -bäuerinnen betroffen sind. Ein  
  denkbarer Schritt zu einer Entschärfung der Situation wäre z. B. die Vernichtung von Lagerbeständen billigen Kaffees, um das Überangebot zu 
  reduzieren.

• Im Rahmen der Entwicklungszusammenarbeit sollte die Ausweitung des Kaffeeanbaus nicht weiter gefördert werden, um eine Erhöhung des
  Kaffeeangebotes zu vermeiden. Stattdessen sollte in den An bau qualitativ hochwertigen Kaffees und den biologischen Kaffeeanbau investiert werden.

Forderungen an die Kaffeekonzerne:

• Die Kaffeekonzerne sollen sich verpflichten, zumindest für einen bestimmen Teil ihres Kaffees strenge Umwelt-, Sozial- und Qualitätsstandards
  einzuhalten. Das ist langfristig auch in ihrem Interesse, da die Krise auf dem Weltkaffeemarkt sich langfristig negativ auf die Qualität des Kaffees
  auswirkt.

Forderungen an die Verbraucher und Verbraucherinnen:

• Die Verbraucher und Verbraucherinnen des Nordens können aufgefordert werden, fair gehandelten Kaffee zu kaufen. Damit verhelfen sie nicht nur den
  Kaffeeproduzenten und Produzentinnen zu einem menschenwürdigen Leben, sondern tun auch sich selbst etwas Gutes (siehe oben: Vorteile des  
  fair  gehandelten Kaffees).

 

 

Hier einige Internet-Seiten, die weitere Informationen zu Kaffee enthalten:

www.kaffeeverband.de   • www.kaffee-tipps.de  • www.kaffee-braun.de  • www.frentesolidario.org

 

  

Kaffeebauern unter Druck  Stuttgarter Zeitung 13.3.2004

Weltbank: Agrarsubventionen versperren Weg aus der Krise

 

WASHINGTON (dpa). Die sinkenden Rohstoffpreise für Kaffee treiben einer Studie der Weltbank zufolge immer mehr Kaffeebauern in die Misere. Die anhaltend hohen Agrarsubventionen in reichen Ländern versperren vielen von ihnen den Ausweg, sich mit dem Anbau anderer Pflanzen über Wasser zu halten, heißt es in dem Bericht, der in Washington veröffentlicht wurde.

 

Die Kaffeepreise sind nach Angaben der Weltbank real so tief wie seit 100 Jahren nicht mehr. Der Abwärtstrend sei zwar seit Jahrzehnten zu beobachten. Zum einen sei das Angebot mit dem Produktionsausbau in den wichtigsten Kaffeeländern - Brasilien, Vietnam und Kolumbien - größer als die Nachfrage. Im vergangenen Jahr wurde weltweit so viel Kaffee produziert wie nie zuvor: 124 Millionen 60-Kilogramm-Säcke. Abgenommen werden aber nur etwa 115 Millionen Säcke.

 

Doch ist der Kaffeemarkt laut Weltbank-Studie nicht nur vom allgemeinen Verfall der Rohstoffpreise betroffen, sondern auch von strukturellen Marktveränderungen. In den vergangenen Jahren haben sich im Markt Großhändler, Großröster und Großabnehmer etabliert, die die Preise nach unten drücken. Durch den Preisverfall haben die rund 20 Millionen Kaffeebauern weltweit im vergangenen Jahr 4,5 Milliarden Dollar Einkommen verloren. Das Patentrezept, Bauern bei einem Überangebot am Markt den Anbau anderer Pflanzen für den Export zu raten, sei wegen der hohen Agrarsubventionen in den reichen Ländern hinfällig. „Mexikanische Bauern produzieren viel billiger Mais als US-Bauern“, sagte der Weltbankdirektor für Agrarentwicklung, Kevin Cleaver. „Doch wird der mexikanische Markt mit US-Mais überschwemmt, weil die USA den Anbau subventionieren.“

 

Die Weltbank rät den Kaffeebauern, sich besser zu organisieren, um als Verhandlungspartner der Abnehmer größere Marktmacht zu demonstrieren. Sie sollten zudem Wege zur Veredelung der Bohnen finden, um hochwertigere Produkte exportieren zu können und teurere Spezialsorten wie Biokaffee an bauen. Die Weltbank und andere Geldgeber würden dabei technische Hilfe leisten. Gleichzeitig müsse mehr in die Infrastruktur in den Agrarregionen investiert werden.

 

 

„Presente – Bulletin der Christlichen Initiative Romero" Juni2004“ - Beispiel aus Guatemala

Abgesang auf die goldene Ära der braunen Bohne

Wachsende Armut in Guatemala durch Kaffeeproduktion in Vietnam

In Guatemala, einem Land mit langer Tradition im Kaffeeanbau, bedrohen die niedrigen Preise auf dem Weltmarkt die Existenzgrundlage Zehntausender Kleinbauernfamilien

von Andreas Boueke

 

Hunderttausende Männer, Frauen und Kinder arbeiten auf den Kaffeefeldern Guatemalas. Sie tragen Plastikkörbe vor den Hüften, diese sorgsam und geschickt mit roten, reifen Kaffeekirschen füllen. Wenn jedoch die eine oder andere Kirsche beim Pflücken auf die Erde fällt, wird sie liegengelassen. Der Kaffeepreis ist heute so niedrig, dass es nicht mehr lohnt, sich für eine Kirsche bis zum Boden zu bücken.

Vor fünf Jahren kostete ein Pfund Rohkaffee auf dem Weltmarkt noch knapp 1,5o US-Dol­lar. Heute sind es nur 5o US-Cent. Von dieser Preiskrise werden die Kleinbauern und -bäuerinnen in Gu­atemala besonders hart getrof­fen. Einer von ihnen ist Maximo Itzep Hernandez. Er besitzt rund fünfzig ertragreiche Kaffeesträucher. „Viele Leute vernachlässigen ihre Pflanzen, weil der Kaffee heutzutage so wenig wert ist. Aber ich habe kein Geld, um andere Setzlinge anzupflanzen. Wir müssen darauf hoffen, dass der Preis wieder steigt. Wir können unsere Pflanzen doch nicht einfach abschlagen?”

Konkurrent Vietnam

 

Aber voraussichtlich wird der Preis in den nächsten Jahren nicht deutlich steigen. Für Länder wie Guatemala wird die Kaffeekrise ein Dauerzustand bleiben, denn auf dem Weltmarkt ist ein neuer Konkurrent angetreten: Vietnam. In dem asiatischen Land sind die klimatischen und landschaftlichen Bedingungen besonders günstig. Zudem sehen die Weltbank und andere internationale Entwicklungsorganisationen im Kaffee eine Alternative zum Mohnanbau für die Produktion der Droge Opium, der bei vietnamesischen Kleinbäuerinnen besonders populär ist. So kam es zu einer massiven Förderung des Kaffeesektors. Innerhalb von zehn Jahren hat Vietnam seine Produktion vervier­facht und liefert heute über zehn Prozent des Angebots auf dem Weltmarkt. Dadurch wurde der Preis nachhaltig gedrückt, so dass auch die vietnamesischen Kleinbäuerinnen nicht mehr vom Kaffeeanbau leben können. Die britische Hilfsorganisation Oxfam bezeichnet ihr Einkommen als „Vorstufe zum Verhungern”.

 

Als Reaktion auf die Krise müssten die Kleinbäuerinnen in Guatemala diversifizieren, andere Produkte anbauen. Doch das ist risikoreich. Eine Umstellung kostet viel Geld und man braucht genaue Marktanalysen. Die Leute auf dem Land haben weder das eine noch das andere. So nimmt die Armut in den traditionellen Kaffeeanbaugebieten weiter zu. Der Mönch Antonio Lopez kann das seit Jahren vor den Toren seiner Kirche La Merced in der Kolonialstadt Antigua beobachten: „Den Leuten geht es wirtschaftlich immer schlechter. Wenn ein Vater nicht genug Geld verdient, um das Überleben seiner Kinder zu sichern, dann nehmen seine Alltagsprobleme an Schärfe zu. Es ist furchtbar, wenn er abends zu Bett geht, ohne zu wissen, was seine Familie am nächsten Morgen zum Frühstück essen kann. Soweit sind wir schon gekommen. Die Familien haben nicht mehr genug zu essen. Das ist keine Armut, sondern schlimmer. Das ist Elend.”

 

Wenn es bei der Kaffeeernte überhaupt noch Arbeit gibt, dann werden viele Eltern von ihren Kindern begleitet, die helfen müssen, das Auskommen der Familie zu verdienen. Die neunjährige Maria kann an guten Tagen bis zu fünfzig Pfund pflücken. Aber in der schwülen Hitze wird ihr oft schwindelig. Dann muss sie einen Moment lang im Schatten sitzen. „Tagsüber sind wir auf dem Feld”, erzählt Maria. „Wenn ich abends nach Hause gehe, muss ich die Wäsche waschen. Danach essen wir und gehen schlafen. Ich arbeite, damit wir genug Geld haben, um Zu­cker und Bohnen kaufen zu können."

  

Kaffee ist das wichtigste landwirtschaftliche Produkt im Handel zwischen den reichen Industrieländern und den Ländern des Südens. Die USA und Europa importieren über zwei Drittel des weltweit erzeugten Kaffees. Die fünf größten deutschen Kaffeekonzerne (Tchibo, Jacobs, Aldi, Melitta, Dalmayr) verdienen prächtig. Sie kontrollieren 85 Prozent des nationalen Kaffeehandels. Bei einem Jahresumsatz von rund vier Milliarden Euro sind ihre Gewinne bestens gesichert.

  

Die niedrigen Weltmarktpreise für Kaffee machen es noch unwahrscheinlicher, dass sich die Lebensbedingungen der arbeitenden Kinder in Guatemala bald verbessern werden. Der guatemaltekische Sozialwissenschaftler Omero Fuentes macht dafür die kurzsichtige Politik internationaler Entwicklungsorganisationen verantwortlich: „Die Entwicklungshilfe für Vietnam, auch die aus Deutschland, hatte gravierenden Einfluss auf die weltweite Kaffeekrise. Vietnam hat überproduziert und niemand hat den Schaden vorausgesehen. Für ein Land wie Guatemala hat das katastrophale Folgen, vor allem, weil Arbeitsplätze verloren gehen. Wenn eine Organisation in einem Land Armut bekämpfen will, dann sollte sie auch globale Zusammenhänge im Blick behalten, um nicht anderswo neues Elend zu erzeugen.”

 

Die Entscheidungen der Weltbank und anderer internationaler Finanzorganisationen orientieren sich an einem Entwicklungsmodell, das es den Kräften des Marktes erlaubt, sich ungehindert zu entfalten. Dementsprechend sollen Produkte in der globalisierten Welt dort hergestellt werden, wo es am günstigsten ist. Wenn eine Produktion unrentabel wird, muss nach Alternativen gesucht werden. So gesehen gibt es keinen Grund, warum die Weltbank Vietnam die Chance des Kaffeeanbaus verweigern sollte.

 

Die meisten Landarbeiter/innen in Guatemala haben noch nie etwas von der Debatte um den niedrigen Kaffeepreis und die Rolle Vietnams gehört. Häufig wissen sie nicht einmal, dass der Kaffee, ins Ausland verschifft wird. Für eine Pflückerin wie Eva Perez stellt sich der Kampf ums Überleben nicht als globales Problem dar, sondern sehr konkret, Tag für Tag. „Unser Verdienst reicht nicht aus. Wir bekommen viel zu wenig Lohn. Mit dem Geld können wir nicht einmal genug Mais kaufen. Aber was sollen wir machen? Woanders als auf den Kaffeefeldern gibt es überhaupt keine Arbeit.”

 

 

 

Äthiopiens Kaffeefarmer schäumen

Ein Geschenk der Götter wird verramscht

Von Johannes Dieterich, Choche - Stuttgarter Zeitung 17.9.2004

 

Die Farmer in Äthiopien bekommen für ihre Kaffeebohnen so wenig Geld wie nie. Und das liegt daran, dass der Muntermacher so begehrt ist wie nie zuvor.

 

Tefara Kedesha ist 75 Jahre alt. Doch zu der Zeit, von der er erzählt, sei selbst sein Großvater „noch nicht einmal ein Kind” gewesen. „Hier war es”, sagt der altersgebeugte Farmer bestimmt und zeigt auf einen Hain drei Meter hoher Bäumchen. Hier sei es gewesen, wo der Araber Khalid Irana einst seine Ziegen hütete. Nachdem die Tiere Blätter und Bohnen von den Büschen gefressen hatten, hätten sie die ganze Nacht über Bocksprünge vollzogen und geblökt. Anderntags habe auch Khalid die grünen Bohnen ausprobiert und sei „in einen wunderbar angeregten Zustand” verfallen. Der Kaffee war entdeckt.

 

Wissenschaftler zweifeln nicht daran, dass sich die Heimat des Bohnenbäumchens tatsächlich in der äthiopischen Kaffa-Provinz befindet, in deren Zentrum nahe des Dörfchens Choche der 75-Jährige durch seine Pflanzung führt. Allerdings war zu der Zeit, als Kaffee erstmals ein menschliches Hirn anregte, selbst der Ururgroßvater von Tefaras Urgroßvater noch nicht einmal geboren: Historiker datieren die Entdeckung der stimulie­renden Eigenschaft der Pflanze auf die Zeit um die erste Jahrtausendwende. Heute ist für Millionen von Menschen allein der Gedanke an ein Leben ohne Kaffee unerträglich. Mit 2,5 Milliarden Tassen, die Tag für Tag weltweit getrunken werden, ist Kaffee das mit Abstand beliebteste Heißgetränk der Welt.

 

Trotzdem muss Tefara Kedesha zurzeit allen Ernstes überlegen, ob er der tausendjährigen Tradition in seiner Heimat nicht ein Ende setzen und seine Kaffeebäumchen fäl­len sollte. „Vergangenes Jahr war es so schlimm wie noch nie”, klagt der seit 58 Jahren tätige Kaffeefarmer. „Wir bekamen lediglich noch 20 Birr (knapp 2,50 Euro) für einen 17-Kilo-Sack.” Niedriger war der Preis für die begehrten Bohnen noch nie.

 

Kaffee ist in Äthiopien kein gewöhnliches Handelsprodukt, eher ein Geschenk der Göt­ter. Wenn Tefara Kedesha morgens um sechs Uhr in seiner an Choches schlammiger Hauptstraße gelegenen Lehmhütte aufwacht, hat sich seine Enkeltochter bereits an die Vorbereitung des täglichen Rituals - der „Kaffee-Zeremonie” - gemacht. Über einem offenen Feuer röstet Edna eine Hand voll grüner Kaffeebohnen bis sie fast schwarz aussehen, zermalmt sie mit einem Holzmörser zu feinem Pulver und brüht sie schließlich in einer rußgeschwärzten Tonkaraffe auf. Gemeinsam mit Söhnen, Freunden und Cousinen wird der Kaffee schließlich aus Mokkatässchen genippt, geschlürft oder gar geschmatzt. In keinem Kaffeehaus der Welt wird der koffeinhaltige Trunk bewusster genossen als in Tefaras Lehmhütte in Choche.

 

„Im vergangenen Jahr konnten wir uns weder Kleider noch ausreichend Essen kaufen”, erzählt Tefaras wesentlich jüngere Ehefrau Masalu Kebeda.  »Wir haben wirklich gelitten." Choche, wo fast ausschließlich Kaffeefarmersfamilien leben, ist in den vergangenen Jahren in eine regelrechte Depression

gesunken. Selbst in der Dorfschule macht sich das Stimmungstief bemerkbar. Viele Schüler kämen nicht einmal mehr zum Unterricht, weil ihre Eltern das

Schulgeld von umgerechnet 1,50 Euro nicht bezahlen könnten, erklärt der Englischlehrer Million Mamo. „Und den Kindern, die noch kommen, knurrt oft

dermaßen der Magen, dass sie sich gar nicht mehr konzentrieren können.”

 

Äthiopiens Ökonomie ist vom Kaffee wie von keinem anderen Exportgut abhängig. Mehr als die Hälfte aller Ausfuhreinnahmen stammen von den Aufputschbohnen. Die bereits seit Jahren anhaltende Flaute der Kaffeepreise hat katastrophale Auswirkungen auf die Wirtschaft des Staates. Im Jahr 2003 nahm Äthiopien nur noch 165 Millionen Dollar durch den Kaffee-Export ein, fünf Jahre zuvor war es noch doppelt so viel.

 

Viele äthiopische Farmer haben ihre Kaffeebäumchen bereits abgehakt und an deren Stelle Khat gepflanzt. Das sind kleine Büsche. deren junge Blätter wie die der Koka-Pflanze über längere Zeit im Mund gespeichelt und gespeichert den Hunger nehmen und selbst unter widrigen Bedingungen ein Gefühl von Zufriedenheit auslösen. Am Horn von Afrika wird das Rauschgift seit Urzeiten konsu­miert. Khat erlebt einen Popularitätsanstieg: In den vergangenen fünf Jahren verdoppelten sich die äthiopischen Khat-Exporte in die Nachbarländer Somalia, Dschibuti sowie in den arabischen Jemen und machen mit mehr als 60 Millionen Dollar bereits mehr als ein Drittel der Kaffeeausfuhren aus.

 

Warum der Kaffeepreis in den vergange­nen Jahren immer tiefer in den Keller sackte, ist Tefera Kedesha ein Rätsel. „Wir hören zwar im Radio, wie viel die Händler zahlen”, sagt der Farmer, „doch die Gründe dafür erfahren wir nicht.” Ausgerechnet die Beliebt­heit ihres Produktes droht den Kaffeefarmern zum Verhängnis zu werden: Fast 25 Millio­nen Bauern bauen inzwischen weltweit die einst lukrativen Bohnen an. Um ihren Far­mern zu helfen, förderte Äthiopiens Regie­rung die Gründung lokaler Genossenschaf­ten, die die Ernte direkt an die staatliche Kaffee-Export-Vereinigung in der Hauptstadt Addis Abeba verkaufen und so wenigstens den Profit der Mittelsmänner einsparen.

 

Das Konzept ging allerdings nicht auf: Viele der Genossenschaften sind inzwischen pleite, weil sie ihren Mitgliedern zu hohe Preise zahlten. Die Genossenschaft Choche sitzt heute auf einem Schuldenberg von 1,5 Millionen Birr (fast 200 000 Euro): Summen, die keine Bank mehr finanzieren will. Nun würden Pläne für die Gründung eigener Genossenschaftsbanken ausgebrütet, berichtet Teka Moreda vom Regionalbüro Farmergenossenschaft in Jimma: Das Grundproblem der fallenden Preise werde dadurch allerdings auch nicht gelöst.

 

Wenn Desse Nure den braunen Saft einzieht, hört sich das wie das Pfeifen einer Dampflok an. Schmatzend und gurgelnd schwenkt er die Flüssigkeit mit seiner Zunge einige Zeit im Mund und lässt die Brühe schließlich fast lautlos in einen neben ihm stehenden Eimer fallen. Vor dem leicht grauten Herrn stehen 25 mit Nummern versehene Tassen Kaffee: Nure ist staatlich geprüfter Tester beim „ Liquoring and Inspecti Center” in Addis Abeba, ein Beruf, der sowohl ein abgeschlossenes Studium (in Nures Fall Pflanzenkunde) wie eine dreijährige Spezialausbildung verlangt. Das hohe Anforderungsprofil für die Tester hat gute Gründe: „Unsere Aufgabe ist es, dafür zu sorgen, dass die äthiopischen Farmer immer besseren Kaffee produzieren”, sagt Nure.

 

Äthiopiens Kaffee gilt als der Beste der Welt: Hier wächst der nur in Höhen von mehr als 1000 Metern gedeihende „cafe arabica”. „Nirgendwo”, sagt der Tester Nure, „gibt es so viele Geschmacksrichtungen des Kaffees wie bei uns.” „Fruchtig”, „erdig „vollleibig' - Qualitätsbeschreibungen, die man sonst nur von Weinkennern hört.

 

Der Aufwand, den das staatliche Inspektionszentrum der Qualitätskontrolle der Kaffeebohnen widmet, stellt allerdings selbst die Winzer in den Schatten. Jeder Lastwagen, der aus den ländlichen Produktionsgebieten Addis Abeba eintrifft, muss eine Dreikiloprobe seiner Last an Nures Testteam abgeben, das die Bohnen in fünf Kategorien einteilt. Nur Grad 1 und 2 werden exportiert. Alle Exportbohnen werden von mehr als 800 Frauen, die in einer Halle hinter Nures Labor an sieben Fließbändern sitzen, inspiziert und mit der Hand von sämtlichen Abweichlern getrennt: „Nur die Makellosen kommen  durch”, sagt Nure lächelnd und fügt bescheiden hinzu: „In meinem Mund entscheidet sich das Schicksal unseres Landes.”

 

 

 

Die glückliche Bohne                                            Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung der "taz - die tageszeitung" vom 30.9.04
VON DOMINIC JOHNSON, taz vom 25. September 2004                                                          
taz-Informationen finden Sie unter      http://www.taz.de/pt/.etc/nf/tazpresso/tazpresso)

Der Legende zufolge wurde Kaffee im 9. Jahrhundert von einem äthiopischen Ziegenhirten entdeckt, der sich wunderte, warum seine Tiere immer so aufgeputscht herumtanzten, als sie die kleinen roten Bohnen von den Bäumen gefressen hatten. Nachdem er die euphorisierende Wirkung an sich selbst getestet und begeistert seinem Priester mitgeteilt hatte, trat die Droge aus der äthiopischen Provinz Kaffa ihren Siegeszug rund um den Globus an - aus Ostafrika nach Arabien, von dort nach Europa und dann mit der kolonialen Expansion nach Amerika und Asien. Der in Plantagen organisierte Anbau von Kaffee in Südamerika und neuerdings Südostasien verdrängte die afrikanischen Kleinbauern vom Weltmarkt. Aber jetzt schlägt Ostafrika zurück: mit der Marktnische des hochwertigen, umweltverträglich angebauten und zu fairen Handelsbedingungen angebotenen Kaffees.

Dumpingpreise

Es ist höchste Zeit. Nie wurde auf der Welt so viel Kaffee getrunken wie heute, aber nie verdienten die Bauern daran so wenig. Anfang der Neunzigerjahre gaben die Verbraucher weltweit 30 Milliarden Dollar für Kaffee aus, heute sind es 70 Milliarden - aber das Geld, das bei den Produzenten ankommt, ist zugleich von zehn auf knapp über fünf Milliarden Dollar gesunken. 2002 erreichten die Weltmarktpreise für Kaffee inflationsbereinigt ein 100-Jahres-Tief. Äthiopien exportierte 113.000 Tonnen Kaffee in der Saison 2000/01 und 126.800 in der Saison 2002/03 - aber die Einnahmen sanken von 205 auf 161 Millionen Dollar. Es gibt, das ist Branchenkonsens, viel zu viel schlechten Kaffee zu Schleuderpreisen - und zu wenig guten, der eben teurer ist. Quantitativ können die Kleinbauern von Äthiopien und Uganda mit den Großplantagen von Kolumbien und Vietnam kaum konkurrieren - qualitativ schon.

Äthiopien, das Ursprungsland des Arabica, und Uganda, das Ursprungsland des Robusta, sehen sich als Vorreiter beim Versuch einer Trendumkehr. Äthiopien hat dabei den Vorteil, neben Brasilien das einzige Land der Welt zu sein, das seinen eigenen Kaffee auch gerne selber trinkt und in der Zubereitung des Espresso Spitzenqualität erreicht - ansonsten werden Kaffeebohnen in Ostafrika auch gekaut, wie Kokablätter in Südamerika. Uganda weiß im eigenen Land mit Kaffee wenig anzufangen, hat sein Produkt aber zum unverzichtbaren Bestandteil des feinsten italienischen Espresso gemacht.

Die Strategie besteht in beiden Ländern darin, die Besonderheiten des Standorts hervorzuheben. Kaffee wächst hier natürlich; er muss nicht erst mit teuren chemischen Düngern und Pestiziden heimisch gemacht werden. Weil es Kaffeesträucher schon immer gibt, gehören sie außerdem zur bäuerlichen Landwirtschaft genauso dazu wie Hühner und Ziegen, und daher ist es entwicklungspolitisch sinnvoll, den Anbau zu fördern.

Von Natur aus ökologisch

Und mit einiger Sorgfalt bei der Trocknung, Röstung und Vermarktung der Bohnen kann man regionalspezifische Edelkaffees anbieten, die nicht in Mischungen untergehen, sondern sich ähnlich wie gute Weine unter geschützten Markennamen zu hohen Preisen auf dem Markt behaupten. Der Förderung des teuren, aber mit reinem Gewissen zu genießenden Markenkaffees hat sich die ostafrikanische Produzentenvereinigung East African Fine Coffees Association (EAFCA) verschrieben. Sie hielt im Februar 2004 eine erste ostafrikanische Edelkaffeemesse in Nairobi (Kenia) ab. Anfang Oktober wird in Uganda die erste Afrikakonferenz der International Federation of Organic Agriculture Movements stattfinden.

Äthiopien sagt gerne, sein Kaffee sei komplett ökologisch - kein Wunder, haben doch die äthiopischen Kleinbauern überhaupt kein Geld für chemische Dünger. Über die Hälfte des äthiopischen Kaffees wird aus Wäldern geerntet, zehn Prozent sogar von wilden Kaffeebäumen. Den Weltmarkt des als organisch gekennzeichneten Kaffees - derzeit 15.000 bis 20.000 Tonnen im Jahr, der meiste aus Costa Rica, Kolumbien und Brasilien - könnte Äthiopien problemlos aufrollen. Vor zwei Jahren kündigte der staatliche äthiopische Kaffeeverband ein Programm zur Zertifizierung von Kaffeebauern an, um sein zertifiziertes Bioproduktionspotenzial auf 5.000 Tonnen im Jahr zu erhöhen; allein der Sidama-Verband will davon 620 Tonnen liefern. Wenn dies Realität wird, ist Uganda, Afrikas größter Exporteur von zertifiziertem Biokaffee mit derzeit 850 Tonnen pro Jahr, abgehängt.

Die größte Hürde für die ökologischen Kaffee-Exporteure besteht in der Zertifizierung. Die Bauern müssen sich strengen Kontrollen durch Umweltexperten aus den Abnehmerländern, auch Deutschland, unterwerfen. Für das Zertifikat müssen die Kaffeebauern nachweisen, dass sie nur natürlichen Dünger einsetzen und bei der Trocknung der Bohnen hohe Mindeststandards einhalten. Dies zu prüfen dauert Jahre und ist teuer. "Eine Lizenz, um organischen Kaffee zu verkaufen, kostet um die 20.000 Euro pro Jahr; kein Bauer kann sich dies leisten", kritisiert der deutsche Experte Mattis Hahn in Bezug auf Tansania. Dazu kommt, dass zur Einhaltung der Zertifizierungsstandards Investitionen nötig sein können: Für natürlichen Dünger braucht der Bauer Vieh, für die korrekte Trocknung bestimmte Materialien und Werkzeuge.

So erzwingt der Trend zum Biokaffee den Zusammenschluss der Kleinbauern - nicht nur in Kooperativen, sondern in Verbänden von Kooperativen. Sie lösen sowohl die auf sich gestellten Bauern und Dorfkooperativen Burundis oder Ugandas wie auch die heruntergewirtschafteten Kollektive Tansanias und Äthiopiens ab. Der Kooperativenverband übernimmt die Vermarktung und organisiert die Zertifizierung, wenn es um Biokaffee geht; und er bezahlt die Bauern. Der Vorteil für die Bauern: Sie müssen Investitionen nicht selbst finanzieren und haben ein garantiertes Einkommen. Der Nachteil: Sie sind ständig mit ihrem eigenen Kaffee bei dem Kooperativenverband verschuldet, weil sie immer vorab für die kommende Ernte bezahlt werden. Und sie können nichts machen, wenn der Verband entscheidet, Verkaufserlöse nicht an die Bauern weiterzugeben. In Burundi beispielsweise bezahlen Kaffeekooperativenverbände ihre Bauern mit Kleinkrediten und entscheiden über die Nutzung dieser Kredite mit. Das Geflecht von Kooperativen, Mikrokreditanstalten und Kaffeeveredelungsanstalten um Ngozi im Norden des Bürgerkriegslands Burundi ist Investitionsmotor des Wiederaufbaus - aber zugleich ein Machtfaktor, der die Bauern durch Dauerverschuldung bei der Stange hält.

Neue Monopole

Beim Sidama-Verband in Äthiopien entscheiden die einzelnen Kooperativen selbst, was sie mit dem Geld machen: eine will Straßen bauen, eine andere die Grundschule erhalten. Tansanias Kagera-Kooperativenunion aber zahlt ihren Mitgliedern nur die Hälfte der Erlöse aus dem "fairen Handel" aus und steckt die andere Hälfte in den Aufbau einer Kaffeepulverfabrik. Tansanias Kooperativenverbände haben wegen ihres Hangs zur Entmachtung der Bauern einen schlechten Ruf, heißt es in einer Studie des dänischen Centre for Development Research: "Gekoppelt mit den geringen Preisen, haben die jüngsten Versuche, die Kaffeevermarktung in Kagera erneut zu monopolisieren, zu massivem Kaffeeschmuggel nach Uganda geführt, zum Aufbau von Schuldenrückständen bei den Kooperativenverbänden und zu wachsender Enttäuschung der Bauern." Die Studie rät, den Kaffee gleich offiziell über Uganda zu exportieren, zumal ugandischer Kaffee einen besseren Ruf hat als tansanischer und der Verkauf aus Uganda höhere Preise bringt.

Dennoch ist gerade bei den Kooperativenverbänden der "faire Handel" und die Hinwendung zu nachweislich ökologischem Anbau von Vorteil, weil der Preisaufschlag dafür die genannten Nachteile mehr als aufwiegt. Der Sidama-Verband in Äthiopien, der Gumutindo-Verband in Uganda und der Kagera-Verband in Tansania verkaufen nur wenige Prozent ihres Kaffees als zertifizierten Biokaffee, aber diese wenigen Prozent sorgen für bis zur Hälfte der Mitgliedereinkommen. Einer Studie der britischen Hilfsorganisation Save The Children zufolge bekommen die Bauern von Gumutindo in Uganda für organischen Kaffee 1.400 Schilling (65 Cent) pro Kilo statt 800, während sich die Produktionskosten durch den Wegfall unerlaubter Dünger um bis zu 650 Schilling pro Kilo verringern.

Das Geheimnis des Erfolgs liegt darin, das richtige Verhältnis zwischen Massen- und Spitzenware zu finden. Erstere bringt Marktpräsenz und Grundeinkommen. Letztere bringt Prestige und Profit. Es muss auch nicht immer Biokaffee sein, zumal wenn man guten Kaffee auch so zu guten Preisen losschlagen kann. Der äthiopische Kaffee-Export steigt neuerdings nicht nur im Volumen, sondern auch im Wert: von 126.800 Tonnen zu 161 Millionen Dollar 2002/03 auf 146.478 Tonnen zu 207 Millionen Dollar 2003/04 - eine Steigerung von 1,27 auf 1,40 Dollar pro Kilo. Vor zwei Wochen verkündete der Sidama-Verband stolz, er habe die Zahl seiner Abnehmer für seinen besten Kaffee von vier auf 13 erhöht, in sechs Ländern. Die Deutschen kaufen am meisten, freute sich Verbandsmanager Asnake Bekele. Aber, fügte er hinzu, die Franzosen zahlen besser.

 

SÜSSE FRUCHT MIT BITTEREM BEIGESCHMACK
Goldene Ananas? aus: "Presente" 4/2006 Bulletin der Christliche Initiative Romero
 

Der Ananasboom hat in Costa Rica voll zugeschlagen: die Anbaufläche für Ananas hat sich seit dem Jahr 2000 verdreifacht, die Exporteinnah­men haben sich innerhalb von vier Jahren verdoppelt. Während sich einige multinationale Konzerne mit der Ananas eine goldene Nase verdienen, sind die Folgen für die betroffenen Menschen in den Anbauregionen und auf den Plantagen alles andere als goldig.  TEXT: NELA PERLE (ASEPROLA/COSTA RICA)

 

Nachdem die Bananenpreise Ende der 9oer Jahre deutlich gesunken sind, haben viele Bananenproduzenten auf Ananas umgesattelt. Der Erfolg der 2003 auf den Markt gebrachten Sorte "Pifia Dorada" in USA und Europa hat ein Übriges dazu getan: 2005 lag das Exportpro­dukt Ananas schon vor dem traditionsreichen Kaffee.

Der Anreiz für die Produzent/Innen ist klar: Während man für eine 18-kg-Kiste Bananen derzeit in Puerto Limon (dem Exporthafen Costa Ricas) fünf US-Dollar erhält, werden für eine Kiste Ananas 18 US-Dollar gezahlt. Da die internationalen Konzerne, die gleichen wie im Bananengeschäft, jedoch bisher kaum Abgaben zahlen – ein kleiner Anreiz vom Staat für die Unternehmen –, hat die Bevölkerung nicht viel von den Gewinnen. Die Wertschöpfung im Land ist gering, das Geld fließt in Konzerne wie DOLE, Del Monte, Fyffes & Co., für soziale Investitionen in den betroffenen Gemeinden bleibt nichts übrig.


Armut wächst

Trotz der bejubelten Exportsteigerungen nimmt die Armut in den Anbaugebieten rasant zu. Der Reichtum aus der Goldenen Ananas ("Pina Dorada") konzentriert sich in wenigen Händen.

Angebaut wurde anfänglich vor allem im Süden Cos­ta Ricas, heute befinden sich die größten Anbaugebiete im Norden des Landes und in der Zona Caribe. Auf die drei Gebiete verteilt befinden sich 65 Verpackungsanlagen und 1.700 Plantagen – von Kleinstbauern bis zu den endlosen Feldern der internationalen Fruchtexporteure. Sie drängen Bananen- und Kaffeeplantagen sowie Weideland für Vieh, aber auch den tropischen Regenwald immer mehr zurück.
 

Überall Ananas
Die Folgen des rasanten Anstiegs sind vielfältig. Vor allem die Chemikalien, ohne die die riesigen Monokulturen nicht auskommen, fügen der Umwelt und den Menschen großen Schaden zu. Immer mehr Anrainerinnen und Arbeiterinnen klagen über Hautausschläge, Fieber und Übelkeit, die mit den Pestiziden aus dem Ananasanbau in Zusammenhang gebracht werden.

 

Im Gesundheitsministerium in San Jose ist man untätig. Der Schulterschluss zwischen den Unternehmen und staatlichen Stellen ist offensichtlich. Im Falle von Anzeigen verwendet das Gesundheitsministerium Gutachten der Unternehmen, Personal des staatlichen Gesundheitssystems arbeitet gleichzeitig für die Konzerne. Obwohl die Zusammenhänge auf der Hand liegen, ignorieren viele ÄrztInnen die Gifte als Ursache für Krankheiten von AnrainerInnen und ArbeiterInnen.

 

Vergiftete Schule

Ein trauriges Beispiel ist die Schule in Cartagena. Das Gebäude ist eingekreist von riesigen Ananasfeldern und hat keinen Anschluss ans öffentliche Trinkwassersystem. Kinder und Lehrerinnen trinken das Wasser aus einem Brunnen im Garten. Untersuchungen ergaben, dass das Wasser von den Chemikalien aus den angrenzenden Feldern verseucht ist. Forderungen der Eltern und der Schulleiterin an die Behörden, die Schule wenigstens an das Trinkwassernetz anzu­schließen und den gesetzlich vorgeschriebenen Schutzabstand der Plantagen zu Schulen zu kontrollieren, blieben bis heute ohne Folgen.

 

In der Zwischenzeit sind fast die Hälfte der Schülerinnen von Durchfall, Übelkeit, Schwindel, Erbrechen und Hautausschlägen betroffen. Wenn sich Eltern und Direktion direkt an den Plantagenbesitzer wenden, kommt es zu unverhohlenen Drohungen – viele Eltern arbeiten auf Plantagen...

 

Trauriges Kapitel

Die Abholzung wertvollen Regenwalds zugunsten der Plantagen, damit verbundene Folgen für die Tier- und Pflanzenwelt, die Zerstörung der Böden aufgrund des aggressiven Anbaus – auf einem Ananasfeld hat das für Böden lebens­wichtige Unkraut und Kleinge­tier keine Überlebenschancen – und die Sedimentierung von Flüssen, weil die Böden keinen Halt mehr bieten, sind weitere traurige Kapitel der Erfolgsstory der „Goldenen Ananas". Ebenso wie das Problem mit der Stechmücke.

 

Mücken greifen an

Mit der Ananas entwickelte sich eine bislang harmlose Stechmücke zur Landplage. Sie brütet in den faulenden Resten der Ananaspflanzen, die nach der Ernte aus Kostengründen meistens nicht fachgerecht entsorgt werden. In den letzten Jahren hat sie sich dermaßen verbreitet, dass sie für viele Viehbauern zur Existenzbedrohung wird: sie macht das Vieh nervös und überträgt Krankheiten. Die Tiere kommen nicht mehr zur Ruhe, weil sie sich den ganzen Tag gegen die Insekten verteidigen müssen. Dadurch ist die Milch- und Fleischproduktion rückgängig. Viele Viehbauern haben ihr Land bereits verkauft – natürlich an Plantagenbesitzer, wodurch sich der Teufelskreis einmal mehr schließt.

Die Grundstückspreise in Anbaugebieten sind zwar in den letzen fünf Jahren von 2.000 US-Dollar auf bis zu 10.000 US-Dollar pro Hektar gestiegen, kurzfristig machen die Bauern also einen guten Gewinn, langfristig können sie damit aber den Verlust ihrer Existenzgrundlage nicht wettmachen die Arbeitslosenrate in den Anbauregionen steigt.

Natürlich schafft die Ananas auch Arbeitsplätze. Allerdings unter Bedingungen, die jenen in der Bananenproduktion in vielen Aspekten ähnlich, in ei­nigen Punkten aber noch viel problematischer sind. Didier Leitón, Vorstand der Plantagenarbeiter-Gewerkschaft COSI­BA-CR beklagt die Einschüch­terungen beim Versuch sich gewerk-schaftlich zu organisieren, Extremfällen, wo Arbeiterinnen zu bis zu 24 Stunden Arbeit am Stück gezwungen wurden, unbezahlte Überstunden und eine starke Gesund-heitsgefährdung aufgrund der angewandten Chemikalien. Alles Missstände, die weitgehend bekannt sind, gegen welche aber weder das Arbeitsministerium noch andere Regierungsstellen vorgehen. Als Argument für die Untätigkeit wird achselzuckend das fehlende Geld im Ministerium genannt.

Das Ministerium hat kein Geld für das Arbeitsinspektorat, das Inspektorat kein Geld für Fahrzeuge und Personal und damit die ArbeiterInnen keine Anlaufstellen für ihre Klagen. Auf den meisten Plantagen gibt es statt unabhängiger Gewerkschaften bezahlte „Movimientos Solidaristas”, gelbe Scheingewerkschaften, die die Arbeiterinnen kontrollieren, anstatt ihnen zu ihrem Recht zu verhelfen.

Weitere Probleme auf den Ananasplantagen hängen mit den Besonderheiten der Ananas zusammen: die stachelige Pflanze erzeugt Kratzer und Wunden. Die Pflanzen bieten, anders als bei den Bananenbäumen, weder Schutz vor der gleißenden Sonne noch vor Regen. Mayra Torres, eine Anrainerin, ist entsetzt: „Meinen Schweinen geht es besser als diesen Arbeiterinnen: sie haben wenigstens ein Dach überm Fressnapf. Den Arbeiterinnen regnet es ins Essgeschirr oder sie sind der Sonne ausgesetzt.” Auch für andere Bedürfnisse bleibt keine Intimität. Fast 8o Prozent der Arbeiterinnen kommen aus dem benachbarten Nicaragua, viele von ihnen illegal. Die Plantagenbetreiber können sich sicher sein, dass diese „Illegalen” aus Angst vor Ausweisung nicht rebellieren.

 

Eine kleine lokale Initiative, die sich in den letzten zwei Jahren in Costa Rica gebildet hat und welche auf die negativen Auswirkungen des Ananasan­baus aufmerksam macht, rebelliert aber sehr wohl. "Kam­pagne gegen die Ausweitung der Ananasplantagen" nennt sich der Zusammenschluss von NGOs (u.a. ASEPROLA), Kir­che, Viehzüchtern und enga­gierten Gemeindemitgliedern. Sie fordern die Regierung auf keine weiteren Anbaubewil­ligungen zu erteilen und die existierenden Plantagen besser zu kontrollieren.

 

Auf dass die süße Goldene Ananas ihren bitteren Beigeschmack verliere....

 

 

Lust auf Mode - ökologisch und fair / Wussten Sie schon...   

Quellenangabe: DEAB Dachverband Entwicklungspolitik Baden-Württemberg e.V., Vogelsangstr. 62, 70197 Stuttgart info@deab.de | www.deab.de  

 

In Zulieferfabriken der KIK Textilien-Discount-Kette müssen die meist weiblichen Arbeiterinnen 13 bis15 Stunden täglich arbeiten – 7 Tage pro Woche. Diese Arbeitszeiten und Überstunden sind weit mehr, als die Konventionen der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) erlauben. Dabei reicht der Lohn oft nicht, um in Bangladesch eine Familie zu ernähren. (Kampagne für Saubere Kleidung)

Die Herstellung einer einzigen Jeans verbraucht rund 8000 Liter Wasser! (www.fair4you-online.de)

Durch die nach Deutschland zumeist in Form von Bekleidungsstücken importierte Baumwolle werden pro Jahr 5.464 Mio. m³ Wasser weltweit verbraucht. Pro Kopf entspricht das einem Wasserverbrauch von rund 180 Litern pro Tag nur für Baumwolltextilien. Zum Vergleich: pro Kopf und Tag lag der Wasserverbrauch 2007 in Deutschland bei 122 Litern. (WWF)

In Deutschland verbraucht jeder Einzelne ca. 26 kg Bekleidung. Jährlich fallen ca. 750 000 Tonnen Altkleider (1,5 Mrd. Kleidungsstücke) aus Altkleidersammlungen und Containern an; weggeworfene Kleidung auf Mülldeponien kommt noch hinzu.

Eine Jeans hat von der Ernte der Baumwolle über deren Verarbeitung bis zum Verkauf bei uns rund 56.000 km zurückgelegt. Als Transportmittel dient i.d.R. das Flugzeug, was ökologisch aufgrund der klimaschädlichen Kerosinabgase als sehr kritisch einzustufen ist. Transportkosten spielen in der gesamten textilen Kette keine große Rolle, da Energieverbrauch nicht angemessen besteuert wird.

Es werden nur noch weiße Alpakas gezüchtet, da sich weiße Wolle besser färben lässt. Graue, schwarze, braune, rotbraune Alpakas sterben langsam aus.

 

Soviel Arbeitsstunden muss ein deutscher Arbeitnehmer im Schnitt arbeiten für einen Herrenanzug: 1960 = 68 h - 2009 = 17 h
(Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, Statistisches Bundesamt)

 

Die Lohnkosten für ein Paar Turnschuhe, die für 100 Euro verkauft werden, betragen 70 Cent. Bei einem Lohn von 1 Euro könnten die Arbeiter ein existenzsicherndes Einkommen erzielen. In der Textilproduktion machen die Lohnkosten meist nur ein Prozent aus.

 

Häufig ist in Textilbetrieben auch der Toilettengang reglementiert und die Arbeiterinnen erhalten Toilettenbons. Deshalb trinken die Frauen wenig. Gerade in tropisch heißen Ländern hat dies verheerende Auswirkungen auf die Gesundheit. (www.fair4you-online.de)

 

In den Fabriken hängen überall Kameras zur Überwachung. Eine Arbeiterin meint „ich fühle mich wie ein Tier im Käfig“. (www.fair4you-online.de)

Chemikalien Beim Ernten, Reinigen, Spinnen, Weben, Bleichen, Färben und Ausrüsten der Baumwolle werden weltweit intensiv Chemikalien verwendet: In der Textilproduktion kommen bis zu 8000 verschiedene Chemikalien sowie rund 4000 Farbstoffe zum Einsatz, die teilweise in Deutschland nicht mehr genutzt werden dürfen. Das ist umweltschädigend und gesundheitsgefährdend.

Bunte Flüsse:  In China heißt es: Die Modefarben der Saison erkennt man an den Farben der Flüsse. Kleider, Hosen und Shirts werden mit Chemikalien aller Art behandelt, damit sie schön farbig, bügelfrei oder wasserabweisend werden. Viele dieser Stoffe sind schädlich für Mensch und Umwelt. Seit dem Jahr 2011 bringt Greenpeace die schmutzigen Geheimnisse unserer Kleidung ans Tageslicht. Die Umweltorganisation fordert die Modemacher mit ihrer Kampagne „Detox“ dazu auf, schädliche Chemikalien durch ungefährliche Alternativen zu ersetzen.            www.greenpeace.de/deto

In neuseeländischen Großschafherden wäre das Scheren von Hand aufwendig, daher werden Chemikalien eingesetzt: die Schafe werden chemisch geschoren. Die Tiere werden in Plastiknetze gehüllt und bekommen eine Chemikalie zum Fellverlust gespritzt.

Skrupellose Modefirmen: „Die Unternehmen gestalten Lieferfristen immer kürzer, und Lieferanten haben großen Druck und versuchen das mit ihrer Stammbelegschaft termingerecht abzuarbeiten. Ansonsten drohen Konventionalstrafen und im schlimmsten Fall nimmt der Auftraggeber, sprich das deutsche Bekleidungsunternehmen, die Ware gar nicht mehr ab. Den Druck gibt der Lieferant an seine Mitarbeiter weiter, und das führt dazu, dass die Tore abgeschlossen werden und Frauen nicht rauskommen, solange der Auftrag nicht abgearbeitet ist.“       Christiane Schnura, Kampagne für Saubere Kleidung

 

Blick in die Textilfabrik

Bis unsere Kleider in deutschen Boutiquen und Discountern zu sehen sind, haben sie eine weite Reise hinter sich. Über 90 Prozent der in Deutschland verkauften Textilien werden importiert. Die Produktion von Textilien ist arbeitsintensiv. Unsere Kleidung wird deshalb seit den 1970er Jahren in Entwicklungsländern und seit den 1990er Jahren in Transformationsländern hergestellt. Der Großteil kommt aus Ostasien, Lateinamerika und Osteuropa. Vor allem Frauen arbeiten in der Bekleidungsindustrie. Sie leiden fast alle unter miserablen Arbeitsbedingungen: Menschenrechts-, Sozial- und Sicherheitsstandards werden missachtet, obwohl das gegen internationale Verpflichtungen und gegen bestehende Selbstauflagen der Handelshäuser, ihre Verhaltenskodizes, verstößt.

Im Wettkampf um Aufträge wird die Abhängigkeit und Unwissenheit von Menschen gezielt ausgenutzt. Handelshäuser in Deutschland und anderen Industrienationen geben den Herstellern die Preise und Lieferbedingungen vor und sind daher für die miserablen Arbeitsbedingungen verantwortlich.

Überwiegend sind Frauen in der weltweiten Bekleidungsindustrie beschäftigt, die

•  zu massiven unbezahlten Überstunden gezwungen werden und 10 bis 16 Stunden für einen Lohn arbeiten, der nicht zum Leben   reicht

 miserablen sanitären und gesundheitlichen Bedingungen ausgesetzt sind

 sich nicht gewerkschaftlich organisieren dürfen

 bei Krankheit oder Schwangerschaft entlassen werden

 betroffen sind von Schikanen seitens der Vorarbeiter.

  (Quelle: INKOT

 

Baumwolle ist die wichtigste Naturfaser weltweit. Fast die Hälfte aller Textilien bestehen aus Baumwolle. Sie wird auch weißes Gold genannt.8.500 Liter Wasser werden durchschnittlich benötigt, um ein Kilogramm Rohbaumwolle zu erzeugen. In Usbekistan und Turkmenistan ist der Aralsee infolge des großen Wasserbedarfs von Baumwolle innerhalb der letzten 40 Jahre auf 15 Prozent geschrumpft. Die größten Produzenten sind China, Indien, die USA, Pakistan, Brasilien und Usbekistan. In Usbekistan werden Kinder und Jugendliche zur Baumwollernte gezwungen. 27 Millionen Menschen sind weltweit in fast 100 Ländern im Baumwoll-Anbau beschäftigt. 99 Prozent von ihnen leben in Entwicklungsländern und bewirtschaften Flächen von weniger als zwei Hektar.

Der Anteil der Bio-Baumwolle an der gesamten Baumwollproduktion beträgt rund ein Prozent.

Bei fair gehandelter Baumwolle erhalten die Bäuerinnen und Bauern einen fest vereinbarten Mindestpreis sowie Zuschläge für gemeinschaftliche Projekte. Nicht jede faire Baumwolle wurde ökologisch produziert, aber der biologische Anbau wird gefördert.

In Indien sind mehr als 80 Prozent der angebauten Baumwollpflanzen gentechnisch verändert. Für die Baumwollsamen müssen indische Bauern hohe Lizenzgebühren bezahlen. Sie geraten dadurch in die Schuldenfalle. Eine Viertel Million Bauern in Indien hat Selbstmord begangen, die meisten im Baumwollgürtel.
(Vandana Shiva, 2011)

 

Birgit Lieber weiß, wo ethisch korrekte Mode in Baden-Württemberg zu finden ist: beispielsweise in Weltläden
Birgit Lieber arbeitet als Fair-Handels-Beraterin beim Dachverband Entwicklungspolitik Baden-Württemberg (DEAB) mit Sitz in Stuttgart. Gemeinsam mit zwei Kollegen berät sie Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Weltläden und Aktionsgruppen in Baden-Württemberg

In Berlin gibt es viele Geschäfte, die alternative Mode anbieten. Wie sieht es in Baden-Württemberg aus? Hier tut sich einiges. Es gibt junge Labels, die beispiels-weise fair gehandelte T-Shirts mit schönen Designs entwerfen. Diese Mode wird allerdings vorwiegend über das Internet vertrieben. Aber auch immer mehr Weltläden in Baden-Württemberg setzen auf Kleidung in ihrem Sortiment.

Als einer der ersten Weltläden in Baden-Württemberg hat der Weltladen Backnang ethisch korrekt produzierte Kleidung angeboten. Hat sich das Engagement gelohnt? Auf jeden Fall. Der Weltladen Backnang war ein Vorreiter, was die Präsentation ganzer Kollektionen bis hin zum fair gehandelten Herrenanzug betrifft. Hier findet sich eine große Auswahl fairer und ethisch produzierter Mode, die von den Kundinnen und Kunden begeistert angenommen wird. Der modemuffelige Mann kann während des Einkaufs auf dem Sofa einen Cappuccino genießen und lässt sich vielleicht doch noch für ein schönes Hemd gewinnen. Der Weltladen Backnang hat eine überregionale Bekanntheit erlangt und die Kundinnen und Kunden kommen von weit her.

Wie viele Weltläden bieten in Baden-Württemberg Kleidung an? Ca. 20 Weltläden, Tendenz steigend.
Allerdings ist die Auswahl in den Läden sehr unterschiedlich. Manche führen zum Beispiel nur  Basics wie T-Shirts und Sweatshirts oder bieten nur im Winter Alpakabekleidung an. In anderen finden Sie von der modischen Unterwäsche über Kleider, Hosen, Pullover und Schuhe alles, um sich von Kopf bis Fuß mit gutem Gewissen einzukleiden. Warum kaufen immer mehr Kundinnen modische Kleidung in einem Weltladen anstatt in einer konventionellen Boutique? Immer mehr Menschen interessieren sich für die Herstellungsbedingungen der Produkte, die sie kaufen, und die Nachfrage nach ethisch produzierter Mode wächst. Gleichzeitig gibt es bei Kleidung eine Vielzahl von Umwelt- und Sozialstandards, Kennzeichen und Siegeln mit sehr unterschiedlichem Niveau, die für Kundinnen und Kunden kaum noch überschaubar ist. Hier bietet der Weltladen Orientierung und Beratung. Die Mitarbeiter können Auskunft geben über die Produzenten und die Produktionsbedingungen. Weltläden gewährleisten Transparenz und Glaubwürdigkeit.

  

Mode im Weltladen in unserer Nähe -> Weltladen Esslingen
Küferstr.12, 73728 Esslingen | f: 07 11.3 51 00 88

Mo–Fr: 9.30–19 h, Sa: 9.30–16 h

www.weltladen-esslingen.de

 

Es muss nicht immer Baumwolle sein. Der Weltladen Esslingen bietet neben schöner Baumwollbekleidung auch fair gehandelte Textilien aus Bambus, Hanf, Alpaka und Leinen für Damen und Herren an. Marken: Ethos, Amauta, Suritex, dwp, Lana, Braintree, Hypnosis, Anzüglich, Göttin des Glücks

 

 

  

Wie nachhaltig ist die Modebranche? Interview mit René Lang, Präsident des Verbandes Deutscher Mode- und Textildesigner

 

Herr Lang, wie geht die Modebranche mit dem Thema Nachhaltigkeit um?

René Lang: Die Modebranche steckt in puncto Nachhaltigkeit zwar nicht mehr in den Lauflernschuhen, aber noch in den Kinderschuhen. Dabei spielt nicht nur der Wareneinsatz eine bedeutende Rolle, sondern auch die sozialen Umstände der Fertigung in den Lohnbetrieben, speziell in Asien. Das Problem sind vor allem die großen Unternehmen mit weltweiter Produktion. Man ist sehr engagiert, aber durch den hohen Preisdruck und die weiten Distanzen kann und wird leider nicht immer detailliert nachgeprüft, unter welchen Umständen die Ware hergestellt wurde. Insgesamt ist man jedoch auf dem Weg, die Dinge zu optimieren. Es ist ein Lernprozess wie bei den Lebensmitteln. Die Entwicklung ist ähnlich, vielleicht etwas langsamer. Aber die Perspektive ist aussichtsreich.

Wie bewerten Sie die Grüne Mode?

Das Thema Nachhaltigkeit erfährt eine Wandlung. Früher litt die alternative Mode unter dem Image „ökologisch gleich schlabbrig, lila-farben, handgestrickt“. Das ist jetzt nicht mehr so. Nachhaltigkeit wird zunehmend modischer interpretiert. Vor allem junge Designerinnen und Designer setzen sich mit ökologischen und sozialen Fragen auseinander und stellen das Thema zukunftsträchtig auf.

Wird Grüne Mode zum neuen Trend?

Grüne Mode ist in gewissen Kreisen schon jetzt ein Trend. Denken Sie zum Beispiel an Berlin! Junge Kunden, die die gegebenen Umstände verändern möchten, kaufen Grüne Mode. Nachhaltigkeit ist zunehmend ein Verkaufsargument. Grüne Mode ist im Aufwind. (aus: Südzeit, Eine Welt Journal Baden-Württemberg, 2012, Nr. 53)

  

Einkaufstipps

Greifen Sie zu fair gehandelten Produkten. Waren aus Fairem Handel garantieren gerechte Löhne für die Handwerker und Kleinbauern. Sie erhalten außerdem Zuschläge für gemeinschaftliche Projekte. Für Rohstoffe mit stark schwankenden Weltmarktpreisen wie Kaffee- oder Kakaobohnen werden Mindestpreise vereinbart. Ausbeuterische Kinderarbeit ist strikt verbot

Stellen Sie Fragen: ¨Fragen Sie in Modegeschäften nach der Herkunft der Textilien. Erkundigen Sie sich, ob es ökologische oder faire Alternativen im Laden gibt. Kaufen Sie nachhaltig produzierte Mode.

  

Setzen sie auf Qualität

Bevorzugen Sie Kleidungsstücke, bei denen Sie sicher sind, dass Sie Ihnen auch in der kommenden Modesaison noch gefallen werden. Achten Sie auf eine gute Verarbeitung.

 

Kaufen Sie Secondhand In vielen Secondhand-Läden gibt es eine große Auswahl an Textilien, manchmal sogar ein zukünftiges Lieblingsstück. Einige Hebammen empfehlen Secondhand-Kleidung für Babys, da die Strampler und Hemdchen schon oft gewaschen und damit Giftstoffe entfernt wurden.

 

„Nein“ zu Jeans im Used-Look

Der lässige Look dieser Jeans entsteht durch sogenanntes Sandstrahlen. Für die Arbeiterinnen und Arbeiter in den Fabriken ist diese Methode enorm gefährlich, da feiner Quarzstaub in die Lunge geraten kann. Viele Fabrikarbeiter leiden an der Lungenkrankheit Silikose.

 

Organisieren Sie eine Tauschparty
Holen Sie alte Kleider, die Sie schon lange nicht mehr getragen haben, aus dem Schrank und laden Sie Freundinnen und Freunde ein, die ihre Kleider mit ihnen tauschen.

Alte Kleidung ist wertvoll

Geben Sie Ihre alten Kleider einem Secondhand-Shop oder stecken Sie sie in einen Kleidercontainer, der dem Dachverband FairWertung e.V.  
Quelle: www.fairwertung.de,

 

Nähmaschine in der Abstellkammer?

Nähmaschine abstauben und ran an die alten Klamotten, mit ein bisschen Fantasie peppen Sie Ihre Kleidung wieder auf — aus Alt wird Neu!